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Philosophie

Woran erkennt man eigentlich gutes Reiten? Sicher nicht daran, ob ein Pferd irgendwie piaffiert oder passagiert. Man erkennt es nicht am Schwierigkeitsgrad der gerittenen Lektionen, sondern am Zusammenspiel von Reiter und Pferd, das die weitgehende Selbstständigkeit und Freiheit des Pferdes bei minimalster Hilfengebung zum Ziel hat.

Und man erkennt es daran, wie frei seine Bewegungen unter dem Reiter sind und wie beweglich es ist. Pferde verlieren unter dem Reiter ihr natürliches Gleichgewicht. Gutes Reiten stellt es wieder her.

Und: Gutes Reiten respektiert die Bedürfnisse und die natürlichen Verhaltensweisen eines Pferdes und orientiert sich an ihnen und nicht an einer Ideologie.

Unterordnung

Unterordnung ist nicht alles, aber ohne Unterordnung ist alles nichts! Man kann sich noch so sehr darum bemühen, alle Regeln für ein feines Reiten einzuhalten, wenn das Pferd sich verweigert, läuft man gegen eine Wand. Wohlgemerkt, mit Unterordnung ist keine geistlose Herr-Knecht-Beziehung gemeint! Wohl aber die Klarstellung, wer wem was zu sagen hat und dass das Pferd dem Reiter mehr Aufmerksamkeit zu schenken hat als der „Umwelt“. Ein Pferd soll und muss mitdenken!

Wo liegt das Problem? Es gibt Pferde, die vom Charakter her sehr dominant sind und in erster Linie sich selbst vertrauen und sonst niemandem. Bei solchen Pferden führt konsequente, sehr abwechslungsreiche Arbeit mit kurzen Reprisen zum Erfolg. Aber eine fehlende Unterordnung kann auch darin begründet sein, dass ein Pferd überall eine Gefahr vermutet, vor der man auf der Hut sein muss. So ein Pferd ist von jedweder Gelassenheit meilenweit entfernt. Aber ohne Gelassenheit gibt es kein positives Miteinander. Sie ist ein wesentlicher Schlüssel zur Unterordnung!
„Gelassenheit  […] ist eine innere Einstellung, die Fähigkeit, vor allem in schwierigen Situationen die Fassung oder eine unvoreingenommene Haltung zu bewahren. Sie ist das Gegenteil von Unruhe, Aufgeregtheit, Nervosität und Stress“.

Gelassenheitstraining hat wesentlich zwei Komponenten: zum einen geht es um die Gewöhnung an angstauslösende Gegenstände und Ereignisse, zum anderen um den Gehorsam aub_230_154_16777215_00_img_reiten-in-leichtigkeit-10.jpgch in schwierigen Situationen – und gerade dafür braucht ein Pferd einen konsequenten, verlässlichen Führer, dem es Vertrauen kann und der genau weiß, was er dem Pferd abverlangen kann, aber auch abverlangen muss.

Kann ein Pferd gelassen sein, wenn der Reiter es nicht ist? Eine Pferdeherde sichert ihr Überleben durch Stimmungsübertragung. Kleinste Anzeichen von emotionaler Anspannung übertragen sich blitzschnell von einem Pferd auf die ganze Herde und löst den gemeinsamen Fluchtreflex aus. Das trifft auch auf die „Kleinstherde“ Reiter-Pferd zu. Es geht also auch um die Gelassenheit des Reiters!
Deshalb führt ein wesentlicher Weg zur Unterordnung über die Gelassenheit von Pferd und Reiter. Und die kann man durchaus trainieren!

Selbständigkeit

Natürlich kann man ein Miteinander erzwingen – nur was ist das für ein Miteinander? Leistung und exaltierte Bewegungen kann man erzwingen - nicht aber Leichtigkeit und Anmut. Dafür braucht es die (relative) Freiheit, in der das Pferd einen „Auftrag“ selbständig ausführt und sich selbst „präsentiert.
Dieses „Entlassen in Freiheit auf Ehrenwort“ (la Guérinière nannte es „Aussetzen der Hilfen)  ist Dreh- und Angelpunkt für ein Reiten in Leichtigkeit.
Hilfen sind lediglich Auslöser einer Bewegung. Folgt das Pferd der Hilfe, stellt der Reiter seine Hilfengebung gänzlich ein[1] und wird nur dann aktiv, wenn die Bewegung verloren geht, oder er eine andere Bewegung abrufen will. Um es mit J.-C. Racinet zu sagen: „Jegliche Hilfengebung muss aufhören, keinerlei Hilfen dürfen aktiv sein, Stille muss herrschen“.

Inhibition - wie kann man Fehler korrigieren

b_210_283_16777215_00_img_reiten-in-leichtigkeit-6.jpgJede Bewegungsabfolge setzt sich aus einer Vielzahl von Einzelbewegungen in einer bestimmten Reihenfolge zusammen. Das Problem: Noch bevor die Bewegungsabfolge tatsächlich ausgeführt wird, also schon wenn eine Bewegung beabsichtigt ist, baut der Körper ein bestimmtes „Bereitschaftspotential“ auf, dem dann die tatsächliche Handlung zwangsweise folgt. Man kann auch sagen, dass die Bewegung, wenn sie tatsächlich ausgeführt wird, eigentlich schon Vergangenheit ist. Das „Bereitschaftspotential“ baut der Körper auf Grund von erlernten und abgespeicherten „Bewegungsschablonen“ auf. Dabei spielen unsere erlernten Bewegungsgewohnheiten, sowohl die, die zu „richtigen“, zweckmäßigen Bewegungen, als auch die, die zu „falschen“, unzweckmäßigen Bewegungen führen, die wesentliche Rolle. Will man also falsche Bewegungen ändern geht es darum, Gewohnheiten zu ändern. Jeder weiß, wie schwer das ist.

Und hier setzte F. M. Alexander intuitiv an, indem er die Ausführung einer Bewegungsabfolge in viele Teilbewegungen zerlegte, bzw. bei einer gewohnheitsmäßig falschen (unökonomischen) Bewegung den Bewegungsablauf unterbrach und nach einer Pause erneut mit der Bewegung unter Aufsicht eines Lehrers begann. Dabei sollte die Bewegung so langsam ausgeführt werden, dass sie in der Ausführung bewusst wahrnehmbar und lernbar war.

Auch wenn das Libet-Experiment (siehe Fußnote 4) nur Menschen betraf, gehe ich davon aus, dass das Ergebnis weitgehend auch auf Tiere zutrifft. François Baucher hat dieses Prinzip, ohne das Libet-Experiment oder die Arbeit von F. M. Alexander zu kennen, bei der Arbeit mit Pferden systematisch angewandt.

Inhibition heißt: Eine fehlerhafte Bewegung nicht in der Bewegung selbst zu korrigieren, sondern das Pferd erst zum Stillstand kommen zu lassen, ihm die Möglichkeit zu geben sich zu entspannen und die falsche Bewegung „abklingen“ zu lassen, um dann wieder neu zu beginnen. Das kann am Beginn der Ausbildung natürlich auch bedeuten, dass ein Pferd mehr Zeit im Halt verbringt, als in der Bewegung.
 

Die Gangart für die Ausbildung

b_210_311_16777215_00_img_reiten-in-leichtigkeit-26.jpgHier schließe ich direkt an die Inhibition an. Denn zuerst kommt das Verstehen, dann das „Pauken“. Für das Verstehen und Lernen/Umlernen muss ein Pferd so gut wie möglich „mitdenken“ können und dafür braucht es Zeit. So viel Zeit, dass es eventuell sogar noch Korrekturen nach einer kurzen Unterbrechung vornehmen kann. Gleichzeitig lässt sich ein Pferd in einer langsamen Bewegung leichter beeinflussen, als in einer schnellen Gangart. Insofern ist der Schritt die „Mutter aller Gangarten“, auch wenn für das „Pauken“ der Trab unverzichtbar ist.

Der Schritt ist die Gangart für den Lernprozess. Erst wenn das Pferd eine Bewegung oder Bewegungsabfolge verstanden hat, kann der Lernprozess im Trab gefestigt und das Gelernte im Galopp geprüft werden.
Ein Pferd ist dann leicht in der Hand und am Schenkel, wenn es auf Anforderung den Unterkiefer sanft entspannt und sich im Hals ohne Widerstände biegen lässt. Das Nachgeben im Unterkiefer wird durch die Hand ausgelöst. Aufgabe der Hand ist nicht das passive „Nichtstun“, sondern das Herstellen eines sanften Dialoges mit dem Maul.



Impulsion

Ohne Impulsion gibt es keine Leichtigkeit! Impulsion meint die Bereitschaft des Pferdes, auf leichteste Anforderung energisch anzutreten und hat nichts mit Geschwindigkeit zu tun. Impulsion ist immer ein Ergebnis der Ausbildung! In diesem Sinne gibt es kein „faules“ Pferd.

Hilfen

Hilfen sind überwiegend konditionierte Reize, die eine erlernte Reaktion auslösen. Die Schenkelhilfen sind ausschließlich konditioniert. Die Handhilfen sind es zum Teil. Dagegen sind die Gewichtshilfen natürliche Hilfen, die nicht erlernt werden müssen, aber umso wirksamer sind, je gelöster ein Pferd ist.

b_210_140_16777215_00_img_reiten-in-leichtigkeit-13.jpgKonditionierte Hilfen dürfen die natürlichen Hilfen nicht „dominieren“, wenn das Ziel die freiwillige Mitarbeit des Pferdes sein soll. Der Sitz und die bewußt eingesetzte Balance stehen im Zentrum jeglicher Hilfengebung.

„Leichtigkeit“ in der Hilfengebung heißt nicht, die Zügel möglichst nicht aufzunehmen und vom Pferd nichts mehr zu verlangen, sondern beschreibt ein Pferd, das den Anforderungen des Reiters und seiner Hilfengebung ohne Widerstände und in einer relativen Freiheit nachkommt. „Die Légèreté wird vom Reiter verlangt und vom Pferd angeboten und nicht umgekehrt“ (Jean-Claude Racinet). Aber sie setzt einen Reiter voraus, der sich selbst an die Regeln der Leichtigkeit hält.

Prinzipien der Hilfengebung

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Das Ablassen vom konstanten Einsatz der Hilfen

Hilfen werden nur gegeben, wenn eine Änderung in der Geschwindigkeit, der Gangart, der Balance oder der Bewegung gewünscht ist.
Ist die Änderung erreicht, wird das Pferd „in Freiheit auf Ehrenwort“ entlassen. „Jegliche Hilfengebung muss aufhören, keinerlei Hilfen dürfen aktiv sein, Stille muss herrschen“ (Jean-Claude Racinet).
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Der separate Einsatz der Hilfen

Die konditionierten Hilfen werden im größtmöglichen Maß einzeln, getrennt voneinander, eingesetzt. Dies gilt ganz besonders für sich widersprechende Hand- und Schenkelhilfen.

Der angemessene Grad der Hilfengebung

Hilfen müssen sanft und ohne Aggressivität eingesetzt werden. Bei welcher Intensität einer Hilfe der gewünschte Reflex ausgelöst wird, hängt nicht von der Stärke der Hilfe, sondern von der Konditionierung ab. Und von der Aufmerksamkeit des Pferdes.

Die Bedeutung der Gewichtshilfen

Gewichtshilfen müssen nicht konditioniert werden, denn jedes Lebewesen unterliegt den gleichen Gesetzen der Schwerkraft. Sie verändern ganz natürlich die Balance eines Pferdes so, dass sie der gewünschten Bewegung entspricht, sie gleichsam vorweg nimmt. Sie laden das Pferd zur gewünwschten Bewegung ein.
Deshalb gehen die Gewichtshilfen den konditionierten Hilfen stets voraus.

Unterricht für Pferd und Reiter

Wo die Kraft beginnt, hört das Gefühl auf. Das Gefühl aber ist die Seele des Reitens.

b_210_143_16777215_00_img_reiten-in-leichtigkeit-22.jpgEin Unterricht, der sich nur auf Anweisungen beschränkt, wird automatisch in der Kraft enden. Körpergefühl kann nur durch die eigene Erfahrung über verschiedene „Reitsituationen“ entwickelt werden. Deshalb ist ein guter Unterricht ein Unterricht, der zwar über Anweisungen den Weg weist, aber dem Schüler durch aufgabenorientiertes Reiten die Möglichkeit gibt, selbst zu „experimentieren“ und eigene Erfahrungen zu machen.

Niemand hat das ideale Pferd, das schon alles kann und dann auch tut. Auch wenn der Reiter seine Hilfen noch so korrekt einsetzt. Deshalb zeichnet einen guten Unterricht auch aus, dass ein Reitlehrer ein Pferd immer dort selbst ausbildet, wo es den Reitschüler überfordern würde.

Reiten in Leichtigkeit

Kann man Reiten in Leichtigkeit in ein paar Zeilen darstellen? Sicher nicht. Aber vielleicht haben die Zeilen doch neugierig gemacht, es selbst zu erproben. Aus Freude am Reiten und am Umgang mit dem Pferd.

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