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Wie faul ist ein faules Pferd?

von in Reiten in Leichtigkeit
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Wie faul ist ein faules Pferd?
An einem frühen Sonntagnachmittag. Zwei Reiterinnen reiten im Schritt einen Wirtschaftsweg entlang. Eine der Reiterinnen ist etwas zurück gefallen. Ihre Schenkel klopfen rhythmisch an den Pferdebauch. Dann streckt sie den Arm mit der Gerte etwas nach außen und touchiert den Pferdebauch zwei- oder dreimal. Das Pferd macht ein paar halbherzige Trabtritte, um sofort wieder in einen gemächlichen Schritt zu fallen. Der Abstand zwischen den Reiterinnen vergrößert sich zusehends. Und das gleiche Spiel beginnt wieder von vorne. Ist das ein faules Pferd? Sicher ist es kein „spritziges“ Pferd. Aber warum verhält es sich so?
In allen Reitweisen ist das Anlegen der Schenkel eine treibende Hilfe. Aber nicht deshalb, weil ein Pferd irgendwo im Bereich der Schenkellage einen „Schalter“ hätte, der das Antreten oder Beschleunigen auslösen würde, sondern weil das Pferd gelernt hat, auf den Schenkelimpuls hin anzutreten. Man könnte genauso gut ein anderes Signal verwenden.
 
Der Lernvorgang hat mit dem Temperament eines Pferdes nichts zu tun. In der Regel läuft er so ab: Der Ausbilder legt die Schenkel sanft (aber merklich) an. Sollte sich das Pferd tatsächlich in Bewegung setzen, hört die Schenkelhilfe sofort auf. In der Regel wird das aber nicht der Fall sein. Deshalb touchiert der Ausbilder direkt nach Anlegen der Schenkel das Pferd mit einer Gerte direkt hinter seinem Schenkel. Die ganz natürliche Reaktion des Pferdes auf das Touchieren wird ein Antreten sein. Der Schenkel bzw. die Gerte haben ihr Ziel erreicht und damit auch nichts mehr zu tun. Sie sind absolut passiv,  jede Hilfe hört auf. Wiederholt man diesen Vorgang oft genug, wird das Pferd auf den Schenkel so reagieren, wie es auf die Gerte reagiert hat. Es hat den Schenkel mit der Gerte verknüpft.
 
Zu Beginn muss man sich damit begnügen, dass das Antreten eher „gemütlich“ erfolgt, um Aufregung und damit verbundene Verspannungen zu vermeiden. Aber nach und nach kann man ein impulsiveres Antreten verlangen. Aber nicht, indem man die Schenkel mit mehr Kraft einsetzt, sondern indem man dem sanften Schenkeleinsatz durch die Gerte mehr Bedeutung verleiht.
 
Die Intensität des Schenkelimpulses hat für die Qualität des Antretens keine Bedeutung.Das gilt für ein temperamentvolles Pferd genauso wie für ein phlegmatisches Pferd. Lediglich die Intensität der Einwirkung mit der Gerte wird sich nach dem Temperament des Pferdes richten. Der Schenkelimpuls sollte gerade so stark sein, dass ihn das Pferd von üblichen Berührungen unterscheiden kann.
 
Übrigens spielt es keine Rolle, ob man beide Schenkel oder nur einen Schenkel anlegt – für das Pferd heißt Schenkel in diesem Stadium der Ausbildung prinzipiell Vorwärts. Daran sollte man denken, wenn man meint, das Pferd durch Anlegen eines Schenkels auf dem Hufschlag halten zu müssen.
 
Im nächsten Schritt soll das Pferd lernen, den Takt ohne weitere Hilfengebung beizubehalten. Dazu nutzt der Reiter wieder die Wirkung der Gerte: Wird das Pferd langsamer, so wird das sofort mit der Gerte korrigiert. Sollte das Pferd durch das Touchieren in eine höhere Gangart fallen, muss man das zunächst akzeptieren, ihm etwas Zeit lassen und dann erst wieder in die ursprüngliche Gangart zurückkommen. Das Durchparieren muss zeitlich so vom „Beschleunigen“ getrennt sein, dass das Pferd keinen Zusammenhang herstellen kann.
 
Und wenn der Reiter zu spät merkt, dass das Pferd langsamer wurde? Dann kommt wieder der Schenkel zum Einsatz und das Spiel beginnt von vorne.
 
Unser Pferd hat also bis jetzt gelernt, impulsiv anzutreten und die Geschwindigkeit ohne weiteres Zutun des Reiters zu halten. Unbewusst hat es sogar noch mehr gelernt: Nämlich das Tempo so lange zu erhöhen, so lange der Reiter die Schenkel angelegt lässt.
 
Leider (oder Gott sei Dank) hört ein Pferd nie auf zu lernen. Es gibt keinen Endzustand, der auf Dauer erhalten bliebe. Und so ist das bisher erarbeitete auch ständig in Gefahr, durch neue Lernvorgänge „überschrieben“ zu werden.
 
Ein Pferd lernt, um seinen Zustand zu optimieren. Und mit weniger Kraftaufwand durch das Leben zu gehen ist nun einmal weniger anstrengend. Also wird das Pferd auf den Schenkel mit der Zeit träger reagieren und es wird auch das Tempo mehr und mehr zurücknehmen. Wenn der Reiter jetzt das Langsamer-Werden immer wieder durch einen Schenkeleinsatz zu korrigieren versucht, wird das Pferd sehr schnell lernen, dass der Schenkelimpuls nicht heißt werde schneller, sondern werde nicht langsamer. In den nächsten Lernschritten reduziert sich die Bedeutung des Schenkelimpulses immer weiter. Die Intervalle, in denen der Reiter treiben muss, werden immer kürzer. Dementsprechend wird er seine Schenkel mit mehr Kraft einzusetzen, was aber auch nur einen sehr kurzfristigen Erfolg bringt, denn das Pferd gewöhnt sich auch an den intensiveren Impuls. Inzwischen ist die ursprüngliche Konditionierung längst „überschrieben“. Die neue Konditionierung heißt jetzt: Wenn der Schenkel klopft, dann bewege dich irgendwie, wenn er aufhört zu klopfen, dann bleibe am besten stehen.
 
Aber es gibt einen Trost: Wenn man nur einige Male die Verknüpfung von Schenkel und Gerte wiederholt, stellt sich die ursprüngliche Konditionierung wieder her. Dazu muss der Reiter jedoch erst einmal mit dem Dauergebrauch des Schenkels aufhören. Noch einfacher wäre es natürlich gewesen, ein träges Reagieren auf den Schenkel sofort zu korrigieren.
 
Aber es gibt noch ein ganz anderes Problem: Was passiert eigentlich, wenn verhaltende und treibende Hilfen gleichzeitig eingesetzt werden? Wenn der Schenkel vom Pferd verlangt schneller zu werden, während die Zügel das Schneller-Werden verhindern? Dann hat das Pferd ein Problem, denn egal was es macht, es macht es falsch. Der Schenkel ist eine konditionierte Hilfe, der Zügel eine (zumindest) teilkonditionierte Hilfe. Es handelt sich also um erlernte Verhaltensweisen. Für das Pferd ist das Dilemma nur lösbar, indem es sowohl den Schenkel als auch den Zügel ignoriert und sich entsprechend seiner Veranlagung verhält: Das temperamentvollere Pferd wird eher unkontrolliert vorwärts gehen, während das phlegmatische Pferd seine Rettung in seinem Phlegma sucht. In jedem Fall ist der Dauereinsatz der Hilfen vorprogrammiert – denn sowohl das unkontrollierte Vorwärts, als auch das unerwünschte Phlegma bedürfen der dauernden Korrektur.
 
Und darin liegt auch einer der Grund für die enorm hohe Bedeutung, die die Zucht in einer Reitweise hat, in der das Gegeneinander der Hilfen Programm ist. Denn das Vorwärts ist dann ein Ergebnis der Zucht und nicht der Ausbildung.
 
In der Literatur wird häufig ein Vergleich angestellt: Die Hand soll gleichsam das Ventil sein, dass die Energie aus der Hinterhand „filtert“. Der Vergleich mag schön klingen, aber ein Pferd ist weder eine Wasserleitung noch eine Dampfmaschine. Und ein Ventil muss das „Filtern“ nicht lernen – ein Pferd die Reaktion auf den Zügel dagegen schon. Und der Bauch eines Pferdes ist kein Gaspedal. Am Gegeneinander der konditionierte Hilfen ändert der Vergleich nichts.
 
Leider sind auch große Reitmeister wie  François Baucher in seiner ersten Methode, Egon von Neindorff, Otto de la Croix oder Paul Plinzner (um nur einige zu nennen) dem Irrtum aufgesessen, dass der Schenkel per se treibend und die Hand per se verhaltend wirken würde. Das Ergebnis waren (zumindest bei Baucher und Plinzner) blutige Sporen, um die vermeintlich faulen Pferde munterer zu machen. Aber immerhin hat François Baucher in seiner zweiten Methode seinen Irrtum erkannt und auf das Gegeneinander von Hand und Schenkel ganz verzichtet. Mehr noch, er plädierte für eine „Reitweise in Hausschuhen“ obwohl, oder besser gesagt, gerade weil die Légèreté ohne Impulsion nicht möglich ist.
 
Doch zurück zum Erlernen der Impulsion. Die treibenden Hilfen und die verhaltenden Hilfen können nicht gleichzeitig erlernt werden und dürfen auch später nicht gegeneinander eingesetzt werden. Deshalb ist es sinnvoll, anfangs die Schenkelhilfe an der Longe zu erarbeiten. Der Reiter kann sich ohne Zügel ganz auf die Schenkel und die Gerte konzentrieren, während der Longenführer für die nötige Sicherheit sorgt.
 
Auch das Tempo muss man so wählen, dass es der Kraft eines Pferdes angemessen ist. Ist das nicht der Fall, wird das Pferd schnell ermüden, was ein ständiges Nachtreiben erfordert, das wiederum abstumpft.
 
Weiter oben habe ich geschrieben, dass es für das Pferd zunächst egal ist, ob beide
Schenkel oder nur ein Schenkel angelegt werden. Schenkel heißt Vorwärts. Versucht man über den Schenkel das junge Pferd auf dem Hufschlag zu halten, wird es das als Aufforderung verstehen, schneller zu werden. Also wird der Reiter am Zügel ziehen und der erste Schritt zu einem faulen Pferd ist getan!
 
Was, wenn man ein Pferd korrigieren möchte, das bereits gelernt hat faul zu sein? Dann legt man am besten die Zügel auf den Hals des Pferdes, hält sich vorsichtshalber an der Mähne fest, legt die Schenkel sanft an und schickt das Pferd mit der Gerte energisch vorwärts. Je energischer das Pferd antritt, umso besser. Die Gangart ist Nebensache. Warum die Zügel auf den Hals legen? Um sicher zu sein, dass man beim Antreten garantiert nicht am Zügel zieht.
 
Ein Wort zur Gerte. Natürlich darf ein Pferd keine Angst vor ihr haben. Aber es soll auch den Respekt vor ihr nicht verlieren. Deshalb muss sie sparsam, aber mit der nötigen Konsequenz eingesetzt werden.
 
Ein impulsives Pferd erfordert zuallererst einen disziplinierten Reiter, der immer weiß wann, wie stark und warum er die Schenkel einsetzt. Der ein Pferd nicht mit seinen Schenkeln vorwärts schieben will, sondern es vorwärts schickt. Der weiß, dass Kraft beim Reiten nichts verloren hat. Und es erfordert eine Reitweise, die das natürliche Verhalten eines Pferdes berücksichtigt.
 
Also, wie faul ist ein faules Pferd? Es ist genau so faul, wie man es sich faul erzieht.
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