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Über die Gehorsamkeit

von in Reiten in Leichtigkeit
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Über die Gehorsamkeit

Was ist Gehorsamkeit | Grenzen der Gehorsamkeit | Gehorsamkeit und Beziehung | Gehorsamkeit und "spielerischer" Gehorsam | Gehorsamkeit und Selbstbewusstsein | Gehorsamkeit und Ausbildung | Gehorsamkeit und Gelassenheit

Was ist Gehorsamkeit

„Gehorsam bedeutet die Unterordnung unter den Willen einer Autorität, das Befolgen eines Befehls, die Erfüllung einer Forderung oder das Unterlassen von etwas Verbotenem. […] Das Wort leitet sich (ähnlich wie Gehorchen) von Gehör, horchen, hinhören […] ab.“ (Wikipedia)

Aber anders als vor gar nicht so langen Zeit verstehen wir heute Gehorsam als freiwillige Unterordnung (oder hätten es zumindest gerne so). Wir beurteilen uns und andere danach, ob die Regeln der Freiwilligkeit auch eingehalten werden. Wir wollen durch Argumente überzeugen. Einem Pferd sind allerdings unsere menschlichen Konflikte und Meinungen ziemlich egal. Und Argumente gehen logischerweise auch spurlos an einem Pferd vorbei. Wir neigen nur zu gerne dazu, unser erlerntes menschliches Verhalten auch auf Tiere zu übertragen. Aber ein Pferd ist, was es immer schon war: ein Herdentier, das in Dominanzbeziehungen lebt und denkt, mit den gleichen Verhaltensweisen wie vor etlichen tausend Jahren. Und damit haben wir ein Problem, denn wir müssen unserem Pferd eine Gehorsamkeit abverlangen, die wir in unserem menschlichen Miteinander ablehnen, ohne dabei zum Despoten zu werden.

Und daraus folgt ganz einfach, dass wir lernen (lernen - nicht interpretieren) müssen, wie ein Pferd „tickt“. Pferde sind nicht dazu da, unsere menschlichen Vorstellungen, Wünsche und Sehnsüchte zu befriedigen. Wir müssen die Natur eines Pferdes zur Grundlage unseres Handelns machen, wenn wir einem Pferd eine ihm eigene „Würde“ zuerkennen wollen.

Die Gehorsamkeit ist immer nur eine Krücke für ein möglichst harmonisches Zusammenspiel mit einem Pferd. Es kann gutes Reiten nicht ersetzen. Und gutes Reiten beginnt und endet damit, die eigene Bewegung mit der Bewegung des Pferdes abzustimmen. Um sich mit dem Pferd zu bewegen und nicht gegen das Pferd. Man muss von dem Gedanken loskommen, dass das Pferd „tun muss“. So wenig Vertrauen eine Einbahnstraße ist, so wenig ist es der Gehorsam.

Grenzen der Gehorsamkeit

Beim Grasen verteilt sich eine Herde, je nach Rasse und Landschaft, über sehr große Flächen. Futterneid kann man deshalb nur selten und nur in besonderen Situationen beobachten. Pferde müssen (anders als z. B. Hunde) für die Futterbeschaffung nicht zusammenarbeiten. Aber in der Flucht sind sie sehr wohl aufeinander angewiesen. Allein dieser Umstand prägt zu einem großen Teil das Sozialverhalten. Denn Pferde müssen über große Entfernungen so kommunizieren können, dass Fressfeinde möglichst nicht auf sie aufmerksam werden und trotzdem jedes einzelne Pferd jederzeit die gesamte Herde warnen kann. Deshalb sind Pferde Meister in der (sparsamen) nonverbalen Kommunikation durch die Körpersprache und die Stimmungsübertragung. Ein Mensch kann pro Sekunde 15 Bilder aufnehmen und verarbeiten, ein Pferd doppelt so viele. Da, wo wir ein unbewegliches Blatt an einem Ast sehen, sieht ein Pferd ein Blatt, dass alles andere als unbeweglich ist. Und ein Pferd hört fast so gut wie ein Hund!

Auch diese Besonderheit spiegelt sich im Soziallverhalten wieder: So sehr Pferde auf die Herde angewiesen sind und so sehr das Zusammenleben in der Herde durch Dominanzbeziehungen (und Freundschaften) geprägt ist, sind Pferde andererseits große Individualisten. Und das wiederum hat Auswirkungen darauf, wo und wie wir Gehorsam verlangen können. Es ist immer wieder vom „unbedingten Gehorsam“ die Rede. Aber ein Fluchttier, das in allen Situationen gehorcht, flieht nicht mehr. Und ein Pferd, das nicht mehr flieht, hat sich selbst aufgegeben. Wir werden den absoluten Gehorsam, der z. B. darin besteht, dass es ohne Führstrick in allen Situationen neben uns hermarschiert, nie erreichen. Wenn es das tut, hat es aufgehört ein Pferd zu sein! Ein Pferd darf Fragen stellen, ein Pferd darf auch seinen Menschen in Frage stellen, weil es sonst die Beziehung zu ihm aufgibt.

Kein einzelnes Pferd kann immer und zu jeder Zeit die Verantwortung für alle anderen Pferde der Herde und alle möglichen Gefahren gleichzeitig übernehmen. Es wäre gnadenlos überfordert. Deshalb hat jedes Pferd Anteil an der Verantwortung für die Herde und nimmt diese Verantwortung auch wahr. Das ändert sich auch dann nicht, wenn ein Pferd und ein Mensch zusammen unterwegs sind. Ein Pferd wird immer sich selbst am nächsten sein. Das tut es auch in der Herde und zum Vorteil der Herde. Vertrauen hin oder her. Wir sollten also unsere Pferde mit so vielen Gefahren wie möglich vertraut machen. Wir sollten „Ruhe trainieren“.  Aber wir sollten auch uns selbst damit vertraut machen, dass dem Gehorsam Grenzen gesetzt sind - und das dem Pferd auch zugestehen.

Gehorsamkeit und Beziehung

Wenn wir mit einem Pferd umgehen (egal wie), gehen wir eine Beziehung ein. Man kann Beziehung als einen Dialog aus Fragen und Antworten sehen. Allerdings können die Fragen unterschiedlicher Natur sein: Die Frage kann entweder heißen: „muss ich das jetzt wirklich tun“ oder aber sie kann heißen: „habe ich das richtig gemacht“. In der ersten Frage geht es um das Verhältnis von Mensch und Pferd, um die Beziehung und das Miteinander. In der zweiten Frage geht es um einen Lernerfolg für eine bestimmte Bewegung oder ein bestimmtes Verhalten, also um Konditionierung. Es gibt also zwei unterschiedliche Sachverhalte. Und jeder Sachverhalt erfordert von uns ein anderes Eingehen auf die Frage.

Das Pferd wird den Menschen so beurteilen, wie es auch ein Pferd beurteilen würde. Es wird erst einmal feststellen, dass ein Mensch kein Pferd ist. Nur was ist er dann? Um diese Frage beantworten zu können, wird es versuchen festzustellen, wie sich dieses Lebewesen in die Sozialstruktur einer Herde einfügt und entsprechende Fragen stellen. Und es wird die Antworten nach „pferdischen“ Verhaltensregeln auswerten. Je nach Charakter und Verhalten des Menschen wird es zu dem Schluss kommen, dass man Probleme wohl selbst regeln muss, um das eigene Überleben zu sichern. Oder, nachdem am anderen Ende des Führstricks der Bremsklotz Mensch hängt, wird es dazu neigen, sich zu arrangieren (nach dem Motto: nun ja, das geht auch vorüber), ohne sich wirklich unterzuordnen. Wohl wissend, dass man letztendlich im Menschen keinen verlässlichen „Partner“ hat und sich immer eine Hintertür offen lassen muss. Es kann den Menschen aber auch als eine kompetente Autorität, zumindest in bestimmten Situationen, kennenlernen. Und dann ist Gehorsam das Ergebnis des Vertrauens in die Beziehung.

Kann ein Leckerli eine Antwort auf eine Frage sein, die die Beziehung betrifft? Schlicht und einfach: nein! Kein Pferd wird einem anderen eine Karotte dafür anbieten, dass es auf seine Vorrangstellung verzichtet. Soziales Lernen braucht kein Leckerli!

Wie passiert die Über- bzw. Unterordnung in einer Pferdeherde? Die Überordnung des dominanteren Pferdes geschieht in aller Regel nicht durch physische Stärke, sondern durch die bewusste, freiwillige Unterordnung des rangniedrigeren Pferdes. Aber dazu muss das ranghöhere Pferd seine Ansprüche deutlich sichtbar anmelden und zeigen, dass es die damit verbundene Verantwortung übernehmen will. Das rangniedrigere Pferd wird sich unterordnen, weil es weiß, dass es in dieser Rolle in der Herde sicher und gut „aufgehoben“ ist. Verantwortung kann anstrengend sein. Soll sie doch ein anderes Pferd übernehmen!

Und weil ein Pferd einem Menschen nur vertrauen wird, den es kennt, sollte man viel Zeit mit seinem Pferd verbringen. Ein Pferd muss die Chance haben, seinen Menschen in unterschiedlichsten Situationen als „kompetenten Führer“ zu erleben.

Ein Mensch wird nie ein Pferd sein. Deshalb wird er auch nie ein „Herdenboss“ oder „Alpha“ oder was auch immer werden. Aber will der Mensch ein übergeordnetes Lebewesen sein, dann muss er sich an pferdische Gepflogenheiten halten. Er muss klar, eindeutig und zuverlässig in seinem Handeln sein, ohne Selbstzweifel (was Selbstkritik nicht ausschließt – eher im Gegenteil), er muss absolut berechenbar sein – im „Guten“ wie im „Bösen“, er muss alle Spielregeln, die er selbst aufgestellt hat, immer einhalten, und er wird respektloses Verhalten (und dazu gehört schon das Vordrängeln beim Führen) nie dulden.

Aber dafür muss das Pferd auch etwas bekommen: Die Sicherheit, dass der Mensch für seine Bedürfnisse sorgt, es keinen unnötigen Gefahren aussetzt und dass es vor Willkür oder unnötiger Gewalt geschützt ist.

Ist Gehorsamkeit gleich Gehorsamkeit

Zitate einfach mal so in den Raum gestellt:
Pferde wollen verstehen, nur Gehorchen macht dumm“ (Racinet, 2007).
„Die Pferde stehen unangebunden, folgen ohne Strick und sind unter dem Sattel artig. Das sind alles aus meiner Sicht erstrebenswerte Dinge. Doch wenn man manchen dieser Pferde in die Augen schaut, sieht man kein Leben mehr. Sie sind abgerichtet, Knopfdruckpferde“ (Garcke, 2014).

„Gehorsam nennt man ein Pferd, das entspannt ist und sich gleichmäßig bewegt, das leicht ist, im Gleichgewicht und in gutem Verbund mit dem Boden geht, ein Pferd also, das alle Einflüsse der Hand, die sich durch das Gebiss vermitteln, befolgt und unverzüglich auf die Hilfen der Schenkel, Knie, Fersen und Sporen des Reiters reagiert. Ein solches Pferd nimmt alle diese Einwirkungen entspannt und willig auf […]“ (Andrade, 1790)

„[…] Der bedeutsamste [Grund]ist, dass man durch die enge Kopf-Hals-Einstellung [es geht hier um das „Low-Deep-Round“ (LDR) also die Rollkur]auf schnellem Weg ein höheres Maß an Unterwerfung des Pferdes erzielt. […] Insbesondere bei den modernen gehfreudigen und oft auch sehr schreckhaften Pferden ist dies eine Methode, die das Tier schneller für den Reiter kontrollierbar und damit reitbar macht, als wenn der Gehorsam über langwierigeres Training erzielt würde. Zeitdruck und Kontrolle sind also wichtige Faktoren.“ (Dr. Uta König von Borstel)

Natürlich könnte man diese Zitate beliebig fortsetzen. Aber das ist eigentlich unwichtig. Wichtig ist, dass man von einem gehorsamen Pferd sehr unterschiedliche Vorstellungen haben kann. Oder anders ausgedrückt: Die Gehorsamkeit als solche gibt es nicht!

An welchen natürlichen Verhaltensweisen eines Pferdes setzt die Arbeit am Gehorsam eigentlich an. Das Pferd kann sich (unter anderem) durch das Fluchtverhalten und das Oppositionsverhalten dem menschlichen Willen entziehen. Nehmen wir das Fluchtverhalten: Man hat zwei Möglichkeiten daran zu arbeiten: Man kann dem Pferd in einer sehr zeitaufwendigen Arbeit die Angst vor bestimmten Gegenständen und Situationen nehmen. Die Methode besteht in der Annäherung an den gefährlichen Gegenstand oder Ort und Rückzug bevor die Angst die Oberhand gewinnt. Man kann dabei nicht generalisieren, jeder angsteinflößende Gegenstand muss separat (und an verschiedenen Orten) bearbeitet werden.

Man kann aber das Pferd auch festhalten und es mit Angst einflößenden Gegenständen rhythmisch (mehr oder weniger stark) „berühren“. Wesentlich dabei ist, dass das Pferd sich von diesem Gegenstand nicht entfernen darf – es darf nicht fliehen. Versucht es das trotz Festhalten, folgt der Gegenstand so lange, bis das Pferd sich „ergibt“ und die Berührungen über sich ergehen lässt. Üblicherweise nennt man so etwas Reizüberflutung. Das Pferd soll die Erfahrung machen, dass Flucht sinnlos ist.
Es geht also in diesem Fall nicht um eine bestimmte Situation oder einen bestimmten Gegenstand, es geht um den Fluchtreflex an sich. Es geht darum, dem Pferd die eigene Hilflosigkeit zu demonstrieren. Wenn man aber ein Verhalten zerstört, das zum Wesen eines Pferdes, zu seiner durch die Natur vorgegebenen Eigenart gehört, zerstört man auch die Psyche des Pferdes. Dem Pferd bleibt nur der Rückzug in das eigene Ich. Gibt es depressive Pferde? Ja, die gibt es. Es sind mehr als man denkt.

Auch die Lernmethode spielt eine wesentliche Rolle. Besteht die Bestätigung für richtiges Verhalten in einem Lernprozess größtenteils darin, dass eine unangenehme Situation beendet wird (negative Verstärkung), so mobilisiert man ständig die Angst eines Pferdes. Denn um eine unangenehme Situation beenden zu können, muss man sie erst aufbauen!

Aber, ich gebe gerne zu, dass diese Methode sehr schnell zu einem Erfolg führt, der sehr sicher verankert ist. Und man kommt auch gänzlich ohne Leckerli aus. Das Pferd wird unter allen Umständen funktionieren. Auch wenn von der Psyche nicht mehr sehr viel übrig ist.

Gehorsamkeit ist also absolut nicht gleich Gehorsamkeit. Und damit möchte ich zum eingangs erwähnten Zitat von Jean-Claude Racinet zurückkommen. In einer Reitweise, die die Selbstständigkeit des Pferdes durch das Aussetzen der Hilfen in den Mittelpunkt stellt, ist das Vertrauen zwischen Reiter und Pferd die unabdingbare Voraussetzung für den Gehorsam. Die Légèreté braucht ein Pferd, das mitdenkt und mitarbeitet. Und nicht vergessen: Vertrauen ist keine Einbahnstraße, es beruht auf Gegenseitigkeit.

Gehorsamkeit und spielerischer Gehorsam

Jeder kennt den Grundsatz der instrumentellen Konditionierung: Macht das Pferd eine positive Erfahrung in Zusammenhang mit einem bestimmten Verhalten, wird es dieses Verhalten häufiger zeigen.
So weit so gut. Die positive Erfahrung macht das Pferd dadurch, dass es „natürliche Verstärker“ für ein bestimmtes Verhalten bekommt. Und das sind die Ressourcen. Welche Ressource tatsächlich motivierend ist, bestimmt das Pferd selbst! Es entscheidet, was den eigenen „Zustand“ optimiert. Und wenn das Pferd erst einmal entdeckt hat, dass es auf das Stimmsignal „Steh“ ein tolles Leckerli bekommt, wenn es tatsächlich auch stehen bleibt, wird es das Stehenbleiben sehr schnell ganz toll finden.

Natürlich reicht zum sicheren Verankern das Verstehen allein nicht aus. Das Verstandene muss immer wieder Wiederholt werden, bis es zu einer Gewohnheit wird. Man darf da ruhig eher tausende als hunderte Wiederholungen ansetzen. Und wenn wir das getan haben, haben wir dann ein gehorsames Pferd? Nein haben wir nicht! Denn wenn wir jetzt mit dem Pferd z. B. im Gelände unterwegs sind und wieder in Richtung Stall reiten und das Pferd jetzt anhalten wollen, wird es sehr wohl abwägen was es lieber tut, besser gesagt, was seinen Zustand eher optimiert: Anhalten, weil es das so gelernt hat, oder nicht anhalten und dafür schneller bei den Kumpels sein.

Positive Verstärkung ist für die Lernphase absolut motivierend und macht Lust auf „mehr“. Die Erfahrung heißt: Stehen bleiben ist toll. Aber trotzdem haben wir immer noch das Problem, dass das Pferd sich bei mehreren Reizen (Leckerli oder Stall) für einen bestimmten Reiz entscheiden muss. Anders ausgedrückt: Nur weil unser Pferd super Gehorsam ist, wenn wir allein in der Halle sind, heißt das noch lange nicht, dass es diesen Gehorsam auch im Gelände zeigt.

Es muss noch etwas hinzukommen, wenn wir Gehorsamkeit auch in „schwierigen“ Situationen so gut wie möglich absichern wollen: Nämlich die Erfahrung, dass das Nichtbefolgen einer Anordnung negative Folgen hat. Sofort und auf der Stelle. Ein Pferd wird diese Erfahrung umso ernster nehmen, je ernster es uns nimmt, je mehr es uns also respektiert. Und damit sind wir wieder bei unserer Konsequenz im tagtäglichen Umgang und bei der Beziehung zwischen Pferd und Mensch, also dem sozialen Lernen vor allem in der Bodenarbeit. Leckerlis können diese Arbeit an der Beziehung unter keinen Umständen ersetzen.

Es gibt also noch einen zweiten Grundsatz in der instrumentellen Konditionierung: Wenn ein Pferd eine negative Erfahrung in Zusammenhang mit einem Verhalten macht, wird es dieses Verhalten seltener zeigen. Strafe, so demotivierend sie auch sein mag, wenn man sie ungerechtfertigt anwendet, kann dazu beitragen, ein erlerntes Verhalten wesentlich schneller und gründlicher zu verankern, als die (ausschließliche) positive Verstärkung.

Aber Strafe kann einem Pferd nur sagen, was es nicht tun soll und nicht was es tun soll und hat deshalb im eigentlichen Lernprozess nichts verloren. Genau wie die positive Verstärkung einem Pferd zwar sagen kann, was es tun soll, aber nicht, was es nicht tun soll. Insofern sind positive Verstärkung und Strafe nicht Gegensätze, sondern ergänzen sich.

Gehorsamkeit und Selbstbewusstsein

Schadet der Gehorsam dem Selbstbewusstsein eines Pferdes? Selbstbewusstsein im Sinne von Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen? Sicher kann das Selbstvertrauen eines Pferdes durch die Art des Trainings und durch den Reitstil zerstört werden. Das ist eigentlich ganz einfach. Entweder man lässt das Pferd in einer „unterwürfigen Demutshaltung“ gehen, unterbindet jegliche Eigeninitiative durch aversive Reize und nimmt dem Pferd weitgehend den Flucht- und Oppositionsreflex. Oder man gibt dem Pferd sich widersprechende Befehle z. B. durch Hand und Schenkel und bestraft es, wenn es einem der Befehle nachkommt. Ersteres passiert bei der Rollkur, sowohl im Dressursport wie im modernen Westernreiten; im modernen Westernreiten geht man allerdings gleich so weit, Pferde zu züchten, für die die Demutshaltung ganz normal ist. Und sollte ein Pferd seinen Kopf doch einmal anheben, wird über die Kandare sofort korrigiert. Zweites passiert tagtäglich und ist ein anerkanntes Ausbildungskonzept: Es ist die Forderung, dass alle Hilfen immer (!) gleichzeitig einzusetzen sind. Mit einer unterschiedlichen Akzentuierung zwar, aber wenn eine Hilfe (z. B. der Schenkel) verstärkt eingesetzt wird, hat diese notwendige Weise auch einen verstärkten Einsatz der verhaltenden Handhilfe zur Folge – das Pferd soll ja nicht schneller werden.

Ein Experiment (es hat tatsächlich so stattgefunden): Man fülle zwei Eimer zu ca. 2/3 mit Wasser. Dann braucht man zwei Mäuse, von denen eine Maus über einen längeren Zeitraum in einer Hand festgehalten wird, so dass eine Bewegung nicht mehr möglich ist. Dann werfe man die Mäuse in jeweils einen Eimer und warte so lange, bis beide Mäuse ertrunken sind. Dabei stoppt man die Zeit bis zum Ertrinken. Das Ergebnis überrascht nicht: Während die festgehaltene Maus schon nach zwei Stunden aufgab, kämpfte die andere Maus 12 Stunden gegen das Ertrinken. Auch das ist erlernte Hilflosigkeit und hat mit Gehorsamkeit nichts zu tun.

Die Gehorsamkeit verträgt sich mit dem Selbstwertgefühl eines Pferdes problemlos – solange wir seine Natur berücksichtigen - weil es auch dem natürlichen Verhalten entspricht.

Welchen Anteil hat die Zäumung am Selbstbewusstsein eines Pferdes? Um es ganz kurz zu sagen: keinen! Für die Rollkurhaltung braucht es weder Trense noch Kandare. Aber es braucht eigentlich auch nicht einmal Kraft, denn die Psyche kann man auch anders zerstören.

Gehorsamkeit, bzw. Unterordnung tut dem Selbstbewusstsein des Pferdes keinen Abbruch, sofern der Mensch nicht willkürlich handelt, die Spielregeln einhält, das Pferd respektiert und ihm in seiner „Rolle“ alle Freiheiten zugesteht, sofern es die gesetzten Grenzen einhält.

Gehorsamkeit und Ausbildung

Eine Bedingung für Gehorsamkeit ist schlicht und einfach die Tatsache, dass ein Pferd erst lernen muss, was es tun soll. Und das ist wahrlich keine banale Feststellung. Es muss ausgebildet werden! Aber wann hat ein Pferd gelernt? In einem ersten Schritt muss das Pferd verstehen, was es überhaupt tun soll und es muss einen „Sinn“ darin sehen, das Verstandene auch anzuwenden. Es muss durch sein Verhalten also einen Erfolg erleben, der seinen Zustand optimiert und dazu motiviert, das Gelernte in sein künftiges Verhaltensrepertoire aufzunehmen. Würde aber lernen so schnell erfolgen, dass schon jeder einmalige Erfolg zu einem neuen Verhalten führt, wäre ein Lebewesen, egal ob Mensch oder Pferd, restlos überfordert. Lernen braucht also Wiederholung, bis sich eine Gewohnheit daraus entwickelt. Und mit Wiederholung sind nicht ein paar Wiederholungen gemeint, sondern hunderte und tausende. Der Glaube, dass ein Pferd nur etwas verstehen müsse, um es dann auch zu tun, ist schlicht ein Irrglaube.

Muss man also am Anfang des Lernprozesses noch damit zufrieden sein, dass das Pferd überhaupt versteht, was es tun soll, so geht es im weiteren Lernprozess um die Exaktheit der Ausführung – und parallel dazu um die Reduzierung der Hilfengebung. Und es geht darum, das gelernte Verhalten so weit als möglich zu generalisieren: das Pferd soll es an den verschiedensten Orten und in den verschiedensten Situationen zeigen.

Was dem Lernprozess entgegensteht liegt aber nicht nur in der Psyche begründet, sondern in den muskulären „Voraussetzungen“: die neu verlange Bewegung ist in der Regel anstrengend. Also wird das Pferd sie verweigern. Gehorsam ist also auch an die körperliche Entwicklung des Pferdes gebunden. Man muss dem Pferd die Zeit geben, seine Muskulatur um- und aufzubauen. Und gerade diese Phase ist in der Ausbildung schwierig zu gestalten. Denn eigentlich lernt ein Pferd nichts Neues, aber der Muskelaufbau verlangt gleichzeitig viele Wiederholungen. Für das Pferd ist das eine „öde“, zum Teil auch eine demotivierende Phase in der Ausbildung. Der Ausbilder muss einfallsreich sein, die Arbeit trotzdem interessant zu gestalten.

Gehorsamkeit und Gelassenheit

Jeder kennt den Begriff der Losgelassenheit. Es ist ein Begriff aus der Ausbildungsskala der deutschen Reitlehre und ein Begriff, den es auch nur in der deutschen Reitersprache gibt. Er bezeichnet ein Pferd, das unverkrampft vorwärts-abwärts „zum Zügel sucht“ und bei dem der Reiter zum Treiben kommt. Nun bin ich natürlich mit dem Begriff „unverkrampft“ mehr als einverstanden, dafür umso weniger mit dem „Vorwärts-Abwärts zum Zügel suchen“, noch damit, dass der Reiter zum Treiben kommen soll. Ich möchte deshalb das „Los“ weglassen und bleibe bei der „Gelassenheit“. Ich denke das reicht auch.

„Gelassenheit, […] ist eine innere Einstellung, die Fähigkeit, vor allem in schwierigen Situationen die Fassung oder eine unvoreingenommene Haltung zu bewahren. Sie ist das Gegenteil von Unruhe, Aufgeregtheit, Nervosität und Stress“ (Wikipedia).
Wenn man im obigen Zitat den Begriff Gelassenheit durch Gehorsam ersetzt, verliert er nichts an seiner Richtigkeit: die „innere Einstellung, die Fähigkeit“ ist die gleiche.

Und damit ist auch verständlich, dass alle Überlegungen über den Gehorsam in diesem Text eigentlich nichts anderes sind, als Überlegungen über die Gelassenheit. Ein gehorsames Pferd ist ein gelassenes Pferd und ein gelassenes Pferd ist ein gehorsames Pferd.
Die Ausbildung muss dem Rechnung tragen, indem das „Ruhe trainieren“ Teil jeden Trainings wird. Auch in Lektionen, die ein hohes Maß an Impulsion verlangen.

Die Gelassenheit von Reiter und Pferd stehen in der Ausbildung vor allen formalen Anforderungen. Ohne Gelassenheit gibt es keinen Gehorsam. Wer an der Gehorsamkeit auch in schwierigen Situationen arbeitet, arbeitet auch an der Gelassenheit. Aber die Arbeit an der Gelassenheit ist eine stufenweise fortschreitende Arbeit, eine Arbeit die ständig im „Fluss“ ist, die sich ständig weiter entwickelt. Sie kann sich nicht entwickeln, wenn man sein Pferd nur in „Watte packt“, oder ohne Rücksicht überfordert.

Wie entsteht Gehorsamkeit

In diesem Kapitel möchte ich einzelne Punkte für den Gehorsam noch einmal darstellen:

■ Konsequenz (und das heißt nicht „Grobheit“) ist die absolute Voraussetzung für Gehorsamkeit. Konsequenz nicht nur bezogen auf eine einzelne Handlung, sondern Konsequenz in der Einhaltung aller Spielregeln zwischen Pferd und Mensch. Gehorsamkeit entsteht aus einem konsequenten Handeln und Verhalten.
Konsequent zu sein ist anstrengend, denn es erfordert Selbstdisziplin. Nicht für fünf Minuten oder auch mal für zehn Minuten, sondern während des gesamten Zusammenseins. Und Konsequenz verlangt ein überlegtes Vorgehen – denn man kann nur das verlangen, was man auch durch- und umsetzen kann.

■ Das Pferd muss gelernt haben, seine Grenzen zu akzeptieren; es muss gelernt haben, was es tun darf und was nicht; es muss seine „Stellung“ gegenüber dem Menschen kennen und ohne Widerstände akzeptieren. Widerstände äußern sich nicht ausschließlich in einem „eigensinnigen“ Verhalten, sondern können sich auch in muskulären Verspannungen wie einem festgehaltenen Hals oder einem festgehaltenen Rücken äußern.

■ Das Pferd muss gelernt haben was es tun soll. Gelernt heißt, dass es das, was es tun soll, nicht nur versteht, sondern soweit eingeübt hat, dass es darüber nicht mehr „nachdenken“ muss. Solange das nicht der Fall ist, ist Gehorsamkeit immer ein Zufallsprodukt.

■ Wesentlich ist auch die Exaktheit, in der ein Pferd Aufgaben ausführen soll. Die Exaktheit in der Ausführung ist kein Selbstzweck, sondern ordnet das Pferd unter und zwingt den Ausbilder/Reiter zur Selbstdisziplin und zu einem konsequenten Vorgehen. Eigentlich richtet sich die Forderung nach Exaktheit mehr an den Ausbilder als an das Pferd!

■ Ruhe trainieren. Ein aufgeregtes Pferd ist ein Pferd, das ausschließlich bei sich selbst ist – nicht beim Ausbilder! Deshalb spielt das ruhige Stehen sowohl in der Arbeit vom Boden aus, wie in der Arbeit unter dem Sattel eine wesentliche Rolle. In der ruhigen Arbeit ohne Stress und Aufregung lernt das Pferd besonders schnell. Das aber setzt einen Reiter voraus, der die verlangte Ruhe selbst verinnerlicht hat und sie auch ausstrahlen kann und für sein Pferd ein „ruhender Pol“ ist.

■ Schenkelgehorsam. Schenkelgehorsam heißt, dass ein Pferd impulsiv auf den Schenkel reagiert. Auch ein phlegmatisches Pferd kann impulsiv antreten. Impulsion ist die Bereitschaft (der Wille) des Pferdes, energisch und kraftvoll anzutreten oder sein Tempo zu erhöhen. Unabhängig von der Gangart und der Situation. Anders ausgedrückt: Impulsion betrifft weder die Schnelligkeit noch die Dauer der Bewegung, sondern den Übergang von einem Tempo in ein anders, von einer Gangart in eine andere. Es betrifft die „innere Einstellung“ des Pferdes. Ruhe trainieren bedeutet nicht Phlegma trainieren!

■ Die Anforderungen dürfen die körperlichen und geistigen Gegebenheiten des Pferdes nicht überschreiten und der Ausbilder muss wissen, was er seinem Pferd wann abverlangen kann. Das betrifft sowohl die psychischen wie die körperlichen Voraussetzungen. Er muss den Ausbildungsweg seines Pferdes genau kennen und immer wieder überprüfen.

■ Das Auftreten des Ausbilders ist durch Klarheit und Eindeutigkeit geprägt.

■ Alle Hilfen, auch die Stimmhilfen, müssen unmissverständlich sein. Immer gleich in der Art und der Intensität - und sie dürfen sich nicht widersprechen. Auch die Gewichtshilfen müssen mit Schenkel- und Handhilfen übereinstimmen. Das Pferd muss zu jeder Zeit ganz exakt wissen, was von ihm verlangt wird.

■ Der Reiter muss seinen Sitz so geschult haben, dass er die Bewegung eines Pferdes aufnehmen und im eigenen Körper „durchlassen“ kann. Das betrifft natürlich auch die Hände, die die natürlichen Bewegungen des Pferdehalses begleiten. Nur dann wird er dem Pferd nicht unwissentliche Signale senden. Er muss sein Körpergefühl so weit entwickeln, dass er immer weiß, was er mit Sitz, Hand und Schenkel tut. Und daran arbeitet man Jahre!

P.S. Niemand hat gesagt, dass Reiten einfach ist!
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