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Gebisslos reiten?

von in Zäumung
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Gebisslos reiten?
Schadet ein Gebiss einem Pferd? Eine Auseinandersetzung mit den Argumenten der Verfechter von gebisslosen Zäumungen.

Es ist nicht einfach, diese Frage eindeutig mit ja oder nein zu beantworten. Weil die Diskussion über rein körperlich erkennbare Erscheinungen, über objektiv nachvollziehbare und zuordenbare Sachverhalte hinausgeht. Es geht wesentlich auch um Emotionen.
 
So beginnt der Artikel von Maksida Vogt in der Zeitschrift „Feine Hilfen“ mit der Feststellung, dass Menschen Gebisse seit Jahrtausenden benutzen, um das Pferd durch Schmerz „gefügig“ zu machen. Natürlich ist die Wortwahl nicht zufällig. Es sollen Emotionen angesprochen und Urteile gefällt werden, noch bevor man sich mit der Problematik auseinandersetzt.
 
Und man sollte den Satz ehrlicherweise dahingehend ergänzen, dass nicht nur Gebisse, sondern auch gebisslose Zäumungen den Zweck haben, ein Pferd „gefügig“ zu machen. Niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass gebisslose Zäume keinen Schmerz (wie stark oder gering ausgeprägt er auch sein mag) zufügen können. Würden sie das nicht tun, bräuchte man sie nicht.
 
Gefügig machen? Sicher geht es darum, ein Pferd zu beherrschen. In allen Reitweisen, in der Bodenarbeit, in der Freiheitsdressur. Allein, wenn ich ein Pferd von A nach B führen will, brauche ich ein Mittel, das weitgehend sicherstellt, dass ich auch tatsächlich bei B ankomme. Und zwar mit Pferd. Wenn Frau Vogt das mit „gefügig machen“ meint, soll sie es ruhig so nennen.
 
These 1: „Gebisse verursachen allein durch ihre Präsenz und den punktuellen Druck auf die in den Schleimhäuten liegenden Nervenenden Schmerzen an Unterkiefer und Zahnfleisch. … Wenn Ihr Zahnarzt schon einmal den Nerv ohne Betäubung getroffen hat, dann haben Sie eine Vorstellung davon, wie sich das Gebiss für das Pferd anfühlt.“ (Maksida Vogt)
 
Tun sie das wirklich? Untersuchungen zeigen, dass das Gebiss nicht auf den Laden aufliegt, sondern nur auf der Zunge. Ganz einfach, weil die Zunge fast die gesamte Maulhöhle ausfüllt. Die Zungenränder bedecken die Laden mantelförmig. Eine direkte Wirkung auf die Laden unter Umgehung der Zunge gibt es demzufolge nicht. Das gilt auch für Stangengebisse mit Zungenfreiheiten. Ganz einfach, weil die Zungenfreiheit nicht groß genug ist, um eine Zunge tatsächlich aufnehmen zu können. Insofern können Gebisse „allein durch ihre Präsenz“ auch keinen direkten Druck auf Nervenenden im Unterkiefer ausüben. (Quelle: Untersuchungen von Dr. Witzmann, in „Das Phänomen François Baucher“ von Dr. Robert Stodulka, WuWei Verlag). Wer das nicht glaubt, soll einfach mal bei einem auf Trense gezäumten Pferd die Lippen so weit auseinanderziehen, dass er die Trense sehen kann. Bei Pferden mit einer sehr fleischigen Zunge, braucht man nicht einmal die Lippen zu öffnen.
 
Und der Vergleich mit dem Zahnarzt? Der Zahnarzt kann einen Nerv dann treffen, wenn er einen Zahn aufbohrt, denn in jedem Wurzelkanal befindet sich ein Bündel aus Nervenfasern und Blutgefäßen, die sehr schmerzempfindlich sind. Aber was hat das mit einem Gebiss zu tun?
Unabhängig davon müsste ein Pferd auf einen so heftigen Schmerz, den eine Trense angeblich per se erzeugt, sichtbar reagieren. Aber ich kann beim besten Willen keine Anzeichen von Schmerz erkennen. Und jedes Pferd würde unter dem Eindruck solcher Schmerzen aufhören zu fressen und um Leckerli zu betteln, sobald es eine Trense im Maul hat. Auch davon kann keine Rede sein.
 
These 2: „Ein Pferd soll mit einem Gebiss durch Schmerz gefügig gemacht werden“. (Maksida Vogt)
 
Jeder, der mit einem Pferd umgeht, muss es beherrschen können. Das trifft auf jedweden Umgang mit dem Pferd zu. Beherrschen beginnt schon mit einer Koppeleinzäunung, mit dem Hufegeben beim Hufschmied, mit dem sich Führen und Anbinden lassen, mit der Bodenarbeit und endet bei der Arbeit unter dem Sattel. Ein Pferd muss sich unterordnen. Die Unterordnung ist das Ergebnis eines Lernprozesses Und Lernen funktioniert nun einmal über angenehme und unangenehme Reize. Ein Gebiss kann so ein Reiz sein. Aber so wenig ein Pferd vor einer Gerte Angst haben darf, so wenig darf es vor einem Gebiss Angst haben. Es liegt am Reiter, an seiner „Geisteshaltung“, wie er den Reiz einsetzt. Ein Abstrafen mit einer Trense ist ein absolutes Tabu.
 
Dagegen kann man mit einem Gebiss ein Pferd zum Kauen anregen und dadurch Verspannungen und Widerstände, die durch diese Verspannungen auftreten, auflösen. Und Verspannungen treten immer wieder auf. Allein die Arbeitssituation erhöht den Stresslevel. Ohne diese Erhöhung wäre Lernen nicht möglich. Eine Trense hilft, den Stresslevel beherrschbar zu machen.
 
Natürlich kann man mit einem Gebiss Schmerzen zufügen. Und gar nicht so selten hat man den Eindruck, dass Reiter bedenkenlos am Zügel ziehen, ohne sich im Klaren zu sein, was sie da eigentlich tun. Und ohne daran zu denken, dass ein Pferd keine Schalter im Maul hat, obwohl die tägliche Erfahrung etwas anderes lehrt. Das Problem ist nicht das Gebiss, sondern der Reiter.
 
Aber auch wenn das Pferd nicht durchgeht, allein das Stehenbleiben aus dem Schritt ist das Ergebnis eines Lernprozesses und nicht das Ergebnis von Gewalt. Das Ziel ist ein Pferd, das man ohne Zügel parieren kann. Denn die sind dazu da, die geeignete Balance herzustellen.
 
Kann man ein Pferd überhaupt durch Schmerz ausbilden? Ein Pferd allein über Schmerz ausbilden und unterordnen zu wollen, würde eine dauernde Abwehrhaltung auslösen und Stress provozieren, der jeden Lernfortschritt verhindert und höchstens Meideverhalten erzeugt.
 
These 3: Das Gebiss im Maul führt zu einer vermehrten Speichelbildung und dadurch zu einer Behinderung der Atmung in der Bewegung, weil das Pferd den Speichel nur dann schlucken kann, wenn es den Kehlkopfdeckel schließt. Mit einem geschlossenen Kehlkopfdeckel kann ein Pferd aber nicht atmen. (Maksida Vogt)
 
Diese These stammt von dem amerikanischen Tierarzt Dr. Cook. Der übrigens gebisslose Zäume vertreibt. Jetzt gibt es aber Praxistests der amerikanischen Biomechanikerin Hillary Clayton mit einem ganz anderen Ergebnis: Danach schluckte ein Pferd, das auf Trense gezäumt war im Galopp 5- bis 6-mal pro Minute, während ein gebisslos gezäumtes Pferd 7- bis 8-mal pro Minute schluckte. Der Schluckvorgang behindert also demnach die Atmung eines Pferdes nicht. Prinzipiell schluckt ein Pferd, wenn es nicht frisst, 4- bis 19-mal. (Quelle: Das Phänomen François Baucher“ von Dr. Robert Stodulka, WuWei Verlag).
 
Dass eine Trense im Maul nicht automatisch zu einem Schluckvorgang führt, kann man eigentlich täglich beobachten. Da steht ein Pferd mit Gebiss in aller Ruhe und schluckt oder schluckt auch nicht.
 
Aber auch, wenn ein Pferd gar kein Gebiss im Maul hat, kann es zu einer vermehrten Speichelbildung kommen. Wenn ich meinen Trovador am Kappzaum auf einem kleinen, durchaus anstrengenden Zirkel galoppieren lasse, so kann man schon nach kurzer Zeit einen schmalen Speichelrand erkennen – der nach Meinung der Vertreter einer gebisslosen Zäumung eigentlich gar nicht da sein dürfte.
 
Kurios wird die Beweisführung, wenn Maksida Vogt sagt: „Erschrickt ein Pferd und/oder strengt es sich körperlich an, befindet sich normalerweise nichts in seinem empfindlichen Maul“. Soll das heißen, dass der Säbelzahntiger nur so lange warten muss, bis das Pferd etwas im Maul hat und schon kann es nicht mehr erschrecken und fliehen?
 
These 4: Durch die Nutzung von Gebissen wird der Stoffwechsel schwer beeinträchtigt. (Maksida Vogt)
 
Die Ursache dafür soll sein, dass mit Gebiss keine gesunde Atmung mehr möglich ist. Dass die Atmung eins Pferdes durch ein Gebiss nicht beeinträchtigt ist, habe ich bereits unter These 3 dargestellt.
 
These 5: Wird der Hals eines Pferdes künstlich in eine aufrechte Position gebracht (wie in einer mittels Gebiss erzwungenen Versammlung), dann rutscht der Unterkiefer zurück und die Zähne liegen nicht mehrpassend aufeinander. (Maksida Vogt)
 
In der Tat. Wenn ein Pferd viel mit Schlaufzügeln oder Ausbindern geritten wird, das Maul mit Nasen und Sperrriemen zugeschnürt, so dass ein Lösen des Kiefergelenks nicht möglich ist, bildet sich ein sogenanntes Sägezahngebiss. Dazu Marion Elze-Geisler, Tierärztin und geprüfte Pferdedentalpraktikerin (Zitiert nach Dressurstudien 3/07): „Es gibt eine klar erkennbare Tendenz, dass es hier um Pferde geht, die intensiv auf falsche Weise mit Schlaufzügeln geritten werden …“ Wer hat also die Schuld? Das Gebiss?
 
Und noch ein Wort zum Begriff Versammlung: Es mag ja sein, dass Maksida Vogt meint, eine künstlich erzwungene Aufrichtung sei Versammlung – ist es natürlich nicht!
 
These 6: „Pferde reagieren auf Gebiss-Reiterei mit den unterschiedlichsten „Symptomen". Sie lassen die Zunge heraushängen, schlagen mit dem Kopf, reißen das Maul auf oder entwickeln unnatürlich laute Atmungsgeräusche“. (brittabritta, Reiter Revue, Forum)
 
Was mache ich falsch? Meine Pferde lassen die Zunge nicht heraushängen, schlagen nicht mit dem Kopf, reißen das Maul nicht auf und entwickeln auch keine unnatürlich lauten Atemgeräusche! Und das obwohl ich sie entweder auf Trense oder auf Kandare mit Unterlegtrense reite.
 
Wann lässt ein Pferd die Zunge heraushängen? Wenn der Reiter über ein Gebiss einen so heftigen Dauerdruck auf die Zunge ausübt, dass diese empfindungslos wird. Wann schlagen Pferde mit dem Kopf? Wenn der Reiter den Zügel annimmt und dabei vergisst, auch wieder nachzugeben. Das Pferd wird eng im Hals und verliert die Balance. Wann reißen Pferde das Maul auf oder entwickeln unnatürlich laute Atemgeräusche? Wenn sie gewaltsam in eine (Rollkur-) Haltung gezwungen werden, in der der Rücken überdehnt ist und der Rachenraum sich drastisch verkleinert und dadurch die Atmung stark behindert ist. Die Ursache ist in allen Fällen der Reiter. Also wer hat die Schuld? Das Gebiss?
 
In dieser Logik müsste bei einem Unfall, bei dem ein Fußgänger von einem Auto überfahren wird, das Auto angeklagt werden, nicht der Fahrer!
 
Also alles Bestens und weiter so? Keineswegs! Ein Blick auf Reiter sowohl aus der „Freizeitszene“ wie aus der „Turnierszene“ zeigen, dass vieles im Argen liegt. Aus Unkenntnis, aus Gleichgültigkeit, aus Ehrgeiz, als Resultat eines schlechten Unterrichtes. Und sicher ist es nicht jedem Reiter gegeben, die Feinfühligkeit für die Bewegungen eines Pferdes und für die eigenen Einwirkungen zu erlangen, die für ein pferdegerechtes Reiten nötig wäre. In diesem Fall ist eine gebisslose Zäumung sicher die bessere Alternative. Aber man sollte sich im Klaren sein, dass auch gebisslose Zäumungen nicht harmlos sind. Und eine harte Hand bleibt eine harte Hand, unabhängig von der Zäumung.
 
Freilich muss man dann auf die Möglichkeiten verzichten, die ein Gebiss bietet: Die seitliche Biegung exakt bestimmen zu können, es in seiner Balance bestimmen zu können, es in die Hand stellen zu können, es an die Beizäumung heranzuführen, Verspannungen lösen zu können. Und vor allem: über ein lebendiges Maul ein „Feedback“ über den jeweiligen Zustand des Pferdes zu bekommen. Die Nase eines Pferdes hat kein Leben.
 
Und man sollte auch daran denken, dass ein Pferd umso mehr konditioniert werden muss, je mehr man sich der Möglichkeit beraubt, das Pferd kontrollieren zu können. Denn: „Jedes Bosal ist für ein Pferd, aber nicht jedes Pferd ist ein Bosal Pferd“ (Jean-Claude Dysli). In der Praxis heißt das, dass viele seiner natürlichen Lebensäußerungen abtrainiert werden müssen. Insbesondere der Fluchtreflex und der Oppositionsreflex. Beide gehören aber untrennbar zum Wesen eines Pferdes. Es ist ein Unterschied, ob man daran arbeitet ein Pferd z. B. für bestimmte Situationen zu desensibilisieren, oder ob man an den Reflexen selbst arbeitet.
 
Ob das wirklich die bessere Alternative ist, wage ich zu bezweifeln!
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