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DVD: ZWEI LEGENDEN EINE MISSION; Reitkunst in Vollendung

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DVD: ZWEI LEGENDEN EINE MISSION; Reitkunst in Vollendung
Erschienen ist die DVD im WuWei Verlag anlässlich einer Veranstaltung, die von Isabella Sonntag ausgerichtet und moderiert wurde. Filmlänge 100 Minuten.

Reiten heute leidet an einem großen Defizit: Es hat sich von jeglicher praktischen Arbeitsreitweise, ja von jeder praktischen Bedeutung überhaupt, meilenweit entfernt. So ist die „Kultivierung“ des Gangvermögens heute die einzige Zielsetzung in der modernen Sportdressur. Umso spannender könnte deshalb eine DVD sein, die von zwei Reitern handelt, die ihre Wurzeln nicht im Turniersport, sondern in (unterschiedlichen) Arbeitsreitweisen haben. Nämlich von Jean-Claude Dysli in der altkalifornischen Reitweise und Manuel Jorge de Oliveira im berittenen portugiesischen Stierkampf.

So weit so gut. Aber die DVD hat auch einen Untertitel: „Reitkunst in Vollendung“. Nun bin ich (zugegeben) immer sehr skeptisch, wenn ich solche Überhöhungen lese. Der Begriff „Kunst“ ist in Bezug auf das Reiten inzwischen arg ramponiert. Es stellt sich überhaupt die Frage, ob „Kunst“ ein Kriterium sein kann, um gutes Reiten von schlechtem Reiten zu unterscheiden. Und mit der „Vollendung“ ist das auch so eine Sache. Kann es Vollendung überhaupt geben? Trotzdem weckt der Untertitel natürlich sehr hohe Erwartungen.

Aber jetzt zur DVD selbst. In der Einleitung spricht Isabella Sonntag zunächst die allgemeine Einstellung an, die den Umgang mit dem Pferd prägen sollte. Auch wenn die Sätze banal klingen mögen, kann man sie nicht oft genug wiederholen. Jean-Claude Dysli (JCD): „Du musst das, was Du in deinem Herzen fühlst ausstrahlen. Körpersprache ist eines der wichtigsten Argumente für die Zufriedenheit eines Pferdes. Man muss sich durchsetzen, aber ohne Gewalt“. Und Manuel Jorge de Oliveira (MJdO): Wenn ich ein Pferd reite, geht es mir nicht um den Erfolg, es geht mir um das Zusammensein mit dem Pferd“. Und erst wenn man beide Aussagen zusammen nimmt, ergeben sie wirklich einen Sinn.

Leider verliert Isabella Sonntag kein Wort darüber, dass hier zwei sehr unterschiedliche Pferde von zwei sehr unterschiedlichen Reitern vorgestellt werden. JCD reitet eine junge Quarter Horse Stute, die sehr ausgeglichen und (für ihr Alter) sehr „gelassen“ ist, während MJdO einen Lusitano Hengst reitet, der „nerviger“ und „kämpferischer“ ist, so wie es für den Stierkampf nötig ist. Beide Pferde spiegeln ihre Reiter sehr deutlich wieder. Genauso wenig geht sie auf die Besonderheiten der jeweiligen Reitweise und Zäumung (die Stute ist auf Bosal, der Hengst auf Trense gezäumt) ein.

Hätte JCD im Verlauf der Veranstaltung nicht darauf hingewiesen, dass ein wesentlicher Unterschied in den vorgestellten Arbeitsreitweisen darin bestünde, dass Kühe weglaufen, während Stiere angreifen, man hätte nicht verstanden, warum JCD besonderen Wert darauf legt, ein Pferd über die Schultern „steuern“ zu können, während MJdO die Beweglichkeit des gesamten Pferdes auf engstem Raum in den Mittelpunkt stellt. Für diese Beweglichkeit sind Versammlung und Aufrichtung unabdingbar und werden deshalb von Anfang an gefördert.

Auch in der altkalifornischen Reitweise, dem vaquero-horsemanship, gehen die Pferde versammelt und in Aufrichtung. Aber es wird nicht die Beweglichkeit eines Stierkampfpferdes verlangt. Im modernen Turnier-Westernreiten dagegen findet Aufrichtung gar nicht mehr statt. Das Gebäude der Pferde ist dementsprechend sehr unterschiedlich: Die moderne Quarter Horse Stute hat eine sehr gerade Oberhalslinie, während der Lusitano einen mächtigen Hals hat, der sich in der Aufrichtung schön rundet. So kann man sehr gut beobachten, wie der Lusitano unter MJdO sich im langsamen Galopp aufrichtet und die Vorhand entlastet, während die Stute unter JCD im langsamen Galopp, der für ein Quarter Horse sehr schwierig ist, mit der Vorhand fast schon am Boden „klebt“.

Übrigens, beide betonen die Gefahren, die von einer dauerhaft tiefen Halseinstellung ausgehen.

Aber es gibt, bei allen Unterschieden, enge Beziehungen zwischen der portugiesischen Schule und der altkalifornischen Reitweise. Und so erstaunt es nicht, dass z.B. Nuno Oliveira auch für Reiter der altkalifornischen Reitweise ein Vorbild sein kann. Auch François Baucher oder in unseren Tagen Jean-Claude Racinet stehen, von der Reitphilosophie aus betrachtet, in diese Tradition. Wenn JCD betont, dass ein fliegender Galoppwechsel nichts anderes ist, als ein Angaloppieren aus dem Galopp, dann zitiert er damit Baucher. Und damit sind wir bei der eigentlichen Gemeinsamkeit von JCD und MJdO: bei der Suche nach Leichtigkeit.

Die Vorführung beginnt mit den seitlichen Flexionen (seitlichen Biegungen) des Halses als Basis für jede weitere Ausbildung. Darin stimmen beide Reiter überein. Leider wird der Ausbildungsweg selbst aber nicht beschrieben. Auch der Umgang mit Problemen wird nicht angesprochen. Denn nicht alle Pferde sind bereit, dem Zügeldruck einfach so nachzugeben. Und MJdO demonstriert ungewollt, dass allein schon die Anwesenheit einer Stute bei einem Hengst die Bereitschaft, den Hals seitlich zu biegen, stark herabsetzen kann. Oder ein anderes Problem: Was macht man, wenn sich ein Pferd bei der Biegung verwirft? Wie ist dann die Zügelführung? Und wenn man genau hinschaut, sieht man, dass MJdO mit genau diesem Problem kämpft. Leider verliert er kein Wort darüber.

Beide Reiter berufen sich (auch) auf François Baucher. Allerdings hat Baucher die „Mobilisation des Mauls“ noch vor den Flexionen des Halses unterrichtet, weil er davon ausging, dass ein entspanntes Maul zu einem entspannten Hals und zu einem insgesamt entspannten Pferd führt. Auch dieser Zusammenhang wird nicht angesprochen.

In den nächsten Filmsequenzen bestimmt im Wesentlichen MJdO den weiteren Ablauf. Er zeigt z.B. ein starkes Übertreten der Hinterhand um die Vorhand auf einer kleinen Volte. Dann folgen aneinandergereihte Lektionen wie Galopp „Schritt für Schritt“ oder auf der Stelle, Traversalen, Galopp-Pirouetten, fliegende Wechsel usw., bis hin zur Piaffe.  MJdO wird dabei leider zum Selbstdarsteller. Sicher erklärt er, welche Lektionen z. B. einen versammelnden Charakter haben, dass ein Pferd, das sich auf den Zügel legt, nie ein „leichtes“ Pferd sein kann, aber wo bleiben die Zwischenschritte von den Flexionen zur Versammlung? Kaum ein Wort darüber, wie die Lektionen erarbeitet werden, kein Wort darüber, wie der methodische Aufbau aussieht. Ein Dialog in diesem Sinne findet nicht statt.

In den Schlussszenen der DVD sitzen JCD und MJdO in einem Garten an einem Tisch und „philosophieren“ über die Probleme des Reitens heute. Da ist z.B. das mangelnde Bewusstsein für die Balance eines Pferdes. Und es ist sicher richtig, dass dem schnellen Erlernen von Lektionen weitaus mehr Bedeutung beigemessen wird, als dem geduldigen Aufbau der jeweiligen Balance, die eigentlich Voraussetzung für die Lektionen wäre. Der Erfolg wichtiger wird als die Tradition und wichtiger als das Zusammensein mit dem Pferd. Und mit Tradition ist hier nicht ein formaler Anspruch gemeint, sondern eine Einstellung des Reiters dem Pferd gegenüber, die von Respekt, Wissen und Zuneigung geprägt ist.

Fazit: Leichtigkeit kann viele Facetten haben. Leider sieht man auf der DVD zu wenig davon. Das mag auch daran liegen, dass der Hengst von MJdO mehr an der Stute von JCD interessiert war, als an der Arbeit. Weshalb sich die vielbeschworene Harmonie auch nicht so recht einstellen wollte. Vielleicht lag das zum Teil auch am unterschiedlichen Charakter beider Reiter. Die Diskrepanz zwischen den „hehren“ Worten in der Einleitung zur DVD, dem anspruchsvollen Titel und den gezeigten Lektionen ist leider offensichtlich. Und man kann natürlich die Frage stellen, wie gut die Veranstaltung eigentlich vorbereitet wurde. Natürlich können (und sollen) Fehler passieren, aber dann wäre eine Erklärung zumindest hilfreich. Der systematische Aufbau der Ausbildung war gar nicht zu erkennen.

Trotzdem, wenn man von den verbalen Übertreibungen absieht, kann man durchaus viel von der DVD lernen. Aber man sollte bereits viel Erfahrung, sowohl theoretisch wie praktisch, mitbringen, um den Sinn einzelner Lektionen zu verstehen. Und gerade den Nachspann kann man sich nicht oft genug anhören. Aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass man eines nicht sieht: Reitkunst in Vollendung. Ich glaube auch nicht, dass das das eigentliche Anliegen von JCD und MJdO war.

Nachtrag. Jean-Claude Dysli starb am 15. Dezember 2013 im Alter von 78 Jahren. Mit ihm starb auch ein Stück Reitkultur.
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