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Die Crux mit der Hand, oder: Warum feines Reiten so schwer ist

von in Reiten in Leichtigkeit
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Die Crux mit der Hand, oder: Warum feines Reiten so schwer ist
Am 10.05.2014 berichtete die Süddeutsche, dass ein 3-jähriges Kind sich unbemerkt am Trittbrett eines Kleinlasters festgeklammerte und so eine kurvenreiche Strecke von 16 km zurückgelegt hat. Was das mit dem Reiten zu tun hat? Ganz einfach, noch besser kann man die Crux mit dem feinen Handeinsatz beim Reiten gar nicht beschreiben.
Die Hand beherrscht das Greifen und Festhalten instinktiv perfekt. Kein Mensch muss es lernen. Aber die Fähigkeit, entgegen dem eigenen Instinkt nicht zuzugreifen und nicht festzuhalten, ohne gleich jeglichen Kontakt zu vermeiden, muss man sich mühsam erarbeiten.

Unsere Stimmungen, vor allem die Angst die Kontrolle zu verlieren, drücken sich in der Anspannung unserer Hände aus. Das muss nicht immer die Angst davor sein, dass ein Pferd durchgehen könnte. Es genügt schon der Ärger, dass ein Pferd gegen unseren Willen einen Zirkel abkürzt oder beim Wechsel durch die ganze Bahn von der geraden Linie abweicht. Das Pferd konfrontiert uns mit unserer Hilflosigkeit. Angst oder Ärger aber wird instinktiv einen Klammerreflex auslösen. Im Umkehrschluss heißt das auch, dass eine freudige und gelöste Grundstimmung sich auch in unserer Zügelführung ausdrücken wird.

Aber das ist nur der erste Teil der Geschichte. Der zweite Teil: Bewegung ist Schwingung - bei Reiter und Pferd. Je nach Gangart beschreibt die Halswirbelsäule eines Pferdes als Teil der Wirbelsäule vertikale und/oder horizontale Schwingungen. Im Schritt hat dies die Nick- und Pendelbewegungen des Kopfes zur Folge. Im Trab sind Kopf und Hals relativ stabil in Bezug auf den Körper. Im Galopp ist die Nickbewegung sehr ausgeprägt, weil das Pferd mit dem Hals für den Galoppsprung Schwung holt. Die Hand hat also sehr viel zu tun, wenn sie die Schwingungen nicht stören oder gar unterbinden will. Auch wenn man üblicherweise im Reitunterricht etwas anderes lernt!

Es gibt aber noch einen dritten Teil der Geschichte: Der Reiter sitzt auf der Brustwirbelsäule, die sich anders bewegt als die Halswirbelsäule. Denn zwischen der Halswirbelsäule und der Brustwirbelsäule ist die Wirbelsäule zwischen den Schulterblättern aufgehängt. Der Reiter wird also durch das Pferd bewegt und die scheinbar so unbewegliche Hand ist gar nicht mehr so unbewegt.

Es gibt zum Ziehen und Klammern eine Alternative, die man sehr häufig sieht: Aus einer falsch verstandenen Leichtigkeit heraus wird der Zügel gar nicht mehr angenommen. Das Pferd läuft „führerlos“ durch die Gegend und orientiert sich am Verlauf des Weges. Aber eigentlich hat der Reiter ja ein Ziel, was wiederum dazu führt, dass er die Zügel doch annehmen muss, um korrigierend einzugreifen. Was beim Pferd ein entsprechendes Abwehrverhalten provoziert. Der Reiter bekommt ein „schlechtes Gewissen“ und gibt die Zügel wiederum deutlich nach. Ergebnis: Das Pferd erfährt das Gebiss nur als Ein- und Beschränkung und „besetzt“ es mit entsprechenden negativen Emotionen. Einen sanften, möglichst gleichmäßigen Kontakt, erfährt das Pferd nie und kann deshalb auch kein Vertrauen in das Gebiss aufbauen. Natürlich kann man das wieder korrigieren, aber es ist langwierig und erfordert sehr viel Geduld und Konsequenz – nicht vonseiten des Pferdes, sondern vonseiten des Reiters.

Was passiert, wenn eine starre Hand auf ein bewegtes Pferd trifft?

Mit de Hand erst einmal gar nichts. Sie spürt den bewegten Hals in der Regel gar nicht. Mit dem Pferd aber passiert eine ganze Menge!
Ein alltägliches Bild: Ein Reiter reitet sein Pferd am hingegebenen Zügel warm. Das Pferd geht mit langem und rundem Hals, die Nase etwa auf Höhe der Buggelenke. Die Nickbewegung des Halses ist deutlich zu sehen. Und dann fängt der Reiter an, die Zügel aufzunehmen. Und jetzt passiert Erstaunliches: Das Pferd hebt den Kopf deutlich an, der vorher noch runde Hals streckt sich nach oben, die Rundung der Oberhalslinie verliert sich und wird zu einer Geraden. Die natürliche Schwingung der Wirbelsäule wird blockiert, das Pferd streckt die Nase nach vorne und verspannt die Hals- und Rückenmuskulatur. Eine seitliche Biegung des Halses ist nicht mehr möglich. Die langen Rückenmuskeln können nicht mehr frei arbeiten, die stammnahe Multifidi-Muskulatur blockiert die Schwingungen der Wirbelsäule und das Pferd fängt unter Umständen sogar an, im Schritt denn Takt passartig zu verschieben. Nicht nur bei Gangpferden, aber besonders bei Gangpferden fördert und provoziert die unbewegliche Hand Taktfehler, weil sie den Rücken blockiert. Mit einem blockierten Rücken kann man jeden Gedanken an ein harmonisches Miteinander schlicht und einfach vergessen.

Die vielbeschworene Harmonie

Die meisten Reiter wünschen sich ein harmonisches Verhältnis zu ihrem Pferd. Aber wie soll diese Harmonie eigentlich aussehen?

Harmonie zum Ersten: Zwei Lebewesen treffen sich. Lebewesen 1 gibt den Ton an und versucht Lebewesen 2 auf Unterordnung zu konditionieren, bis es sich widerspruchslos fügt. Die Rollkur (Low Deep Round) würde sich als Methode anbieten. Allerdings kann Lebewesen 1 jetzt nicht mehr fühlen, was in Lebewesen 2 vor sich geht, denn man muss bei der Konditionierung schon sehr konsequent sein, was zu einem „geistlosen“ Wesen führt. Denn sonst bleibt die ständige Angst von Lebewesen 1, dass Lebewesen 2 doch eines Tages rebelliert. (Warum nur fällt mir jetzt Totilas ein?) Manche mögen das für Harmonie halten.

Harmonie zum Zweiten: Zwei Lebewesen treffen sich und jeder versucht es dem anderen recht zu machen und nicht anzuecken. Deshalb gibt es auch keine Auseinandersetzung. Von Zeit zu Zeit aber muss man sich doch auf ein gemeinsames Vorgehen in einer bestimmten Situation einigen. Dazu wäre es natürlich hilfreich, die Meinung des anderen zu hören. Nachdem aber jeder dem anderen Recht geben will, hat auch keiner eine Meinung. Irgendwann kommt Aggression auf, einer gibt dem anderen die Schuld und die vermeintliche Harmonie geht zum Teufel.

Harmonie zum Dritten: Harmonie als „Vereinigung von Entgegengesetztem zu einem Ganzen“. Beide Lebewesen versuchen die Eigenarten des Anderen in ihre Entscheidungen mit einzubeziehen, ohne sich selbst zu verleugnen und ohne die Verantwortung für das Handeln auf den anderen zu übertragen. Niemand soll sagen, dass ein Pferd denn Charakter und die Eigenarten seines Reiters nicht in seinen Entscheidungen berücksichtigen würde. Auf das körperliche Zusammenspiel von Pferd und Reiter angewandt heißt das, dass beide lernen müssen, ihre Biomechanik zu synchronisieren. Aber bei aller Biomechanik bitte nicht vergessen, dass es auch ein mentales Zusammenspiel gibt!

Klar, dass die Variante drei anzustreben ist. Aber Hand aufs Herz, kommen einem nicht auch die Varianten eins und zwei bekannt vor? Sicher gibt es auch Martingal oder Schlaufzügel, die eine Scheinharmonie wie in Variante 1 erzeugen können. Oder man wirft den Zügel gleich weg wie in Beispiel 2 und keiner weis mehr, wer jetzt wen führt. Man kann aber auch damit anfangen, die Bewegungsabläufe eines Pferdes so verstehen und erfühlen zu lernen, dass man sie „aufnehmen“ und in sie „eingehen“ kann. Weil man sie auch nur dann gestalten und „modifizieren“ kann, ohne Nebenkriegsschauplätze aufzutun. Es geht letztlich darum, ein Pferd so zu beherrschen, dass es das „Beherrscht-Werden“ nicht als etwas Fremdes, Erzwungenes empfindet.

Die Aufgabenstellung

Und damit steht man erst einmal vor der gigantischen (sie ist wirklich gigantisch) Aufgabenstellung, die Biomechanik von Pferd und Reiter so zu synchronisieren, dass an den „Nahtstellen“ zwischen Reiter und Pferd, nämlich der Hand und dem Becken, kein Gegeneinander entsteht. Die Hand muss lernen sich so zu bewegen, dass sie die Nickbewegung des Kopfes zulässt, ohne den Kontakt zum Maul zu verlieren. Sie muss wissen, wann sie was machen muss, noch bevor die Hand den Fehler spürt, denn dann hat sich das Pferd bereits am Gebiss gestoßen und die Abwehrreaktion ist bereits eingetreten. Gleichzeitig darf sie die Bewegung des eigenen Körpers nicht mitmachen, sondern muss „autonom“ agieren. Und sie darf dem Impuls festzuhalten oder zu ziehen nicht nachgeben.

Das Becken, als Scharnier zwischen Pferd und Reiter, muss die Bewegungen des Pferderückens so „abfedern“, dass der Oberkörper möglichst ruhig bleibt. Aber der Mensch hat auch noch zwei Hände. Und die müssen zusätzlich lernen, sich dabei unabhängig voneinander zu bewegen.

Und deshalb ist harmonisches Reiten so schwer!

Die Basis für eine ruhige und trotzdem bewegte Hand …

ist zweifellos der Sitz. Denn über den Rücken des Pferdes vermittelt der Sitz der Hand die Impulse für die Bewegung. Die Wirbelsäule reicht nun mal vom Genick bis zum Ende der Schweifrübe – ist also eine „Funktionseinheit“. Wenn die „alten Militärs“ meinten, ein Reiter müsse mit dem Hintern denken, dann hatten sie gar nicht so Unrecht. Man muss aber wissen, wann man das Gehirn wieder einschalten muss! Ob das die „alten Militärs“ auch wussten?

Nicht der Hals oder das Maul des Pferdes geben der Hand den Impuls für die Bewegung, sondern das eigene Becken. Auch die Intensität der Nickbewegung spürt man über den Sitz.

Wann fängt man eigentlich mit dem Reiten an, wenn man anreitet?

Man mag das für eine blöde Frage halten. Ist es aber nicht! Die Praxis: Ein Reiter soll schlicht und einfach anreiten. Also wird er erst einmal sein Pferd durch einen Schenkelimpuls in Bewegung setzen, dann gemächlich die Zügel aufnehmen und dann fängt er irgendwann zu reiten an.
Reiten beginnt noch vor dem ersten Schritt, nämlich dann, wenn der Reiter die Zügel aufnimmt und dem Pferd die Balance gibt, die es für die folgende Bewegung braucht. Und mit dem ersten Schritt begleitet die Hand die Nickbewegung des Pferdes. Und nachdem das Pferd den Kopf dann absenken wird, wenn ein Vorderbein nach vorne greift, wird die Hand durch ein leichtes Nachgeben, eventuell auch nur durch ein Öffnen der Hand, auch schon den ersten Schritt begleiten. Bei einem Sitz, bei dem nicht das Becken mit der Schrittbewegung „rollt“, sondern ein schaukelnder Oberkörper die Bewegung des Pferderückens ausgleicht, bewegt sich der Oberkörper und damit auch die Hand des Reiters nach rückwärts, während das Maul des Pferdes sich nach unten bewegt: Ein Maximum an gegenläufiger Bewegung ist das Ergebnis!

Zu wenig und zu viel ..

So fängt ein Sprichwort an, das auch auf die „bewegte“ Hand zutrifft. Egal ob sich die Hand zu wenig, gar nicht, oder zu viel bewegt, das Ergebnis ist das gleiche. Das Pferd wird in seinem Bewegungsablauf gestört. Reiten heißt fühlen. Wo die Kraft beginnt, hört das Gefühl auf. Der Reiter muss sein Pferd erfühlen, um zu wissen, wie er seine Hilfen einsetzen muss – oder eben: was er mit der Hand machen muss. Jedes mechanistische Bewegen zerstört die Harmonie mit dem Pferd. Fühlen kann man aus keinem Buch lernen, da helfen nur Erfahrung und die Bereitschaft, die Angst vor einem Kontrollverlust einfach mal zu vergessen.

Bewegung - und kein Ende?

Im Lauf der Ausbildung lernt das Pferd, den Hals ruhiger zu tragen. Es braucht ihn nicht mehr als Balancierstange; die Arbeit des Halses soll jetzt verstärkt der Rücken übernehmen. Der Zügel kann und soll dann in bestimmten Situationen sogar „durchhängen“, ohne dass sich die Selbsthaltung des Pferdes ändern würde. Aber man wird immer wieder zur „bewegten Hand“ zurückkehren, wenn das Pferd unversammelt und mit langem Hals geht; oder die momentane Balance es erfordert.

Die „stillgestellte Hand“

Es mag jetzt als Widerspruch erscheinen, aber in der Légèreté ist die „stillgestellte Hand“ von ganz besonderer Bedeutung. Sie steht in keinem Widerspruch zu einer Hand, die die Bewegung aufnimmt, wohl aber zu einer Hand, die nach hinten zieht. Und weil die „stillgestellte Hand“ so wichtig ist, will ich ihr auch einen eigenen Beitrag widmen.

Für heute wünsche ich allen Lesern viel Freude mit ihren Pferden und den Pferden Freude mit ihren Reitern.
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