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Brauchen wir ein neues Ausbildungskonzept

von in Lerntheorie
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Brauchen wir ein neues Ausbildungskonzept
Waren unsere bisherigen Ausbildungskonzepte falsch? Braucht man ein neues Konzept, weil man die Dominanztheorie ablehnt?  „Die Verhaltensbiologin Marlitt Wendt entzaubert … den verbreiteten Irrglauben an die Dominanztheorie und präsentiert das wissenschaftlich fundierte Freundschaftskonzept als pferdegerechte Alternative“. So der Verlag zu ihrem Buch Vertrauen statt Dominanz. Und als Lernmethode soll nur das Belohnungslernen in Frage kommen.
Gibt es eigentlich nur „Dominanz“ oder „Vertrauen“? Und was heißt Freundschaft? „Freundschaft ist ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander, die sich durch Sympathie und Vertrauen auszeichnet“ (Wikipedia). Und, könnte man hinzufügen: Freundschaft beruht auf Freiwilligkeit und ist nicht sexuell motiviert. Gerade Huftiere suchen sich als Freund ein Tier, das Ähnlichkeiten aufweist.

Und damit gehen die Probleme mit dem „Freundschaftskonzept“ bei mir auch schon los: Bin ich meinem Pferd sympathisch? Was, wenn nicht? Hat mein Pferd die gleiche Vorstellung von Freundschaft wie ich?
Pferde sind Fluchttiere, leben in Herden mit hierarchischen Regeln, verteilten Aufgaben und individuellen Freundschaften und kommunizieren über die Körpersprache. Das ist (vereinfacht) die Welt eines Pferdes. Können Pferde eigentlich über die Grenzen der eigenen Spezies hinaus Verhalten verstehen, es sich eventuell sogar aneignen? Verstehen uns Pferde? Ich denke, so sehr Pferde unterscheiden können, was ein Pferd ist und was kein Pferd ist, so wenig können sie aus ihrer „Haut“ als Pferd ausbrechen. Sie werden die Welt immer vom Standpunkt eines Pferdes aus „betrachten“. Unsere menschlichen Vorstellungen dürften einem Pferd ziemlich egal sein.
Wir können einem Pferd allein schon dadurch nicht gerecht werden, dass wir keine Pferde sind. Unser Sozialleben ist ein anderes, unsere Ängste und Hoffnungen sind andere, unsere Bedürfnisse sind andere, unsere Vorstellung von Dominanz ist eine andere unsere Körpersprache ist eine andere. Wir sehen die Welt mit anderen Augen.

Deshalb wird ein Mensch in den Dominanzbeziehungen eines Pferdes auch nie eine wesentliche Rolle spielen. Er passt nicht in das „Schema“ Pferdeherde. Aber ein Pferd wird einen Menschen sehr wohl nach Dominanzkriterien beurteilen. Es kann nicht anders. Und Pferde schließen Freundschaften auf Grund von individuellen pferdischen (!) Merkmalen und Besonderheiten Deshalb wird ein Mensch auch nie ein wirklicher Freund für ein Pferd sein – es hapert schon an der Kommunikation. Aber ein Pferd wird „Gesten der Freundschaft“ wohl verstehen, wenn sie auch so gemeint sind.

Man muss ein Pferd nicht dominieren wollen, das funktioniert ohnehin nicht. Es sei denn, man verwechselt Angst mit Dominanz. Aber man wird sich so verhalten müssen, dass es pferdischen Regeln und pferdischem Verständnis gerecht wird. Dazu gehört die Klarheit des Auftretens, positives Selbstbewusstsein, Berechenbarkeit und der erkennbare Wille sich durchsetzen zu wollen wenn es notwendig ist, gepaart mit einem Gefühl der Güte und Zuneigung. Dann wird ein Pferd uns auch „freundschaftlich“ gegenübertreten.

Und das Vertrauen? Vertrauen setzt Beziehung voraus. Beziehung entsteht in der persönlichen „Auseinandersetzung“ zwischen Lebewesen. Eine vertrauensvolle Beziehung entsteht, wenn beide Lebewesen in der Auseinandersetzung dem anderen nicht nur nicht schaden, sondern Wohlwollen und Sicherheit im Miteinander vermitteln.

Deshalb schaffen Leckerli auch keine Beziehung. Genauso wenig wie ein schwingendes oder rotierendes Seil Beziehung schafft. Erst wenn ein Mensch über seine Körpersprache, über seine Ausstrahlung, über sein Agieren mit einem Pferd kommuniziert, kann Beziehung entstehen. Ein Mensch muss sich als Ganzes „einbringen“.

Kein Pferd sucht den Schutz eines anderen Pferdes, um vor dem Angriff eines Säbelzahntigers sicher zu sein. Insofern vertraut es nur auf die eigene Schnelligkeit in der Herde. Aber ein Pferd vertraut einem anderen Pferd, wenn dessen Handeln berechenbar ist und sich nicht gegen es selbst richtet. Vertrauen ist das Gegenteil von Willkür. Und daran muss auch ein Mensch sich halten.

Im richtigen Leben gibt es nicht nur Erfolge, es gibt auch Misserfolge. Aber die Überwindung eines Misserfolges ist wiederum ein Erfolg. Wahrscheinich sogar der größere. Nur Erfolg zu haben „lullt ein“. Und macht den Menschen, der die Erfolge vermittelt, langweilig. Ganz einfach, weil keine Auseinandersetzung stattfindet und damit auch nur eine sehr eingeschränkte Beziehung. Deshalb braucht es auch mehr, als nur Belohnungslernen.

Und nicht alles wird über „Erfolg – Misserfolg“ gelernt. Lernen findet auch ohne Lob und Tadel statt. Ganz einfach in Ruhephasen. Die Verarbeitung von Lernschritten in Ruhephasen erfordert aber ein Ausbildungskonzept, das diese Art des Lernens einschließt.

Kann das „Freundschaftskonzept“ auf Grundlage der positiven Verstärkung die Alternative für unseren Umgang mit einem Pferd sein? Auch wenn es gut gemeint ist: Wenn man ein Pferd wirklich ernst nimmt, sicher nicht, weil die Freundschaft eines Menschen einem Pferd nur ansatzweise gerecht wird und ein Pferd auf der anderen Seite einen Menschen durchaus auch nach „Dominanzkriterien“ beurteilt. Dominanz und Vertrauen sind nach „pferdischen“ Regeln durchaus keine Gegensätze. Die haben erst Menschen erfunden, die ihre eigene Vorstellung von Dominanz den Pferden kurzerhand übergestülpt haben.

Lernen funktioniert seit Menschgedenken auf die gleiche Art und Weise. Daran hat sich nichts geändert. Was sich aber geändert hat, ist das Ziel und der Inhalt der Ausbildung - wir müssen mit Pferden keine Kriege mehr gewinnen. Und was sich damit auch geändert hat, ist unsere Einstellung zum Pferd. Zumindest außerhalb des Turniersports. Wir sorgen uns um die Gesundheit unserer Pferde, wir verwöhnen sie mit Leckerlis, flechten ihnen Zöpfe, weil wir das schön finden, kaufen Decken, damit sie es warm haben, denken uns aus, was ein Pferd „denken“ und „meinen“ könnte und halten das für Wahrheit und wir erwarten, das ein Pferd für unsere Fürsorge dankbar ist und uns vertraut.

Aber eines tun wir viel zu wenig: uns überlegen, was ein Pferd wirklich von uns braucht und wo wir Menschen mit unseren Bedürfnissen auch einmal zurückstecken müssen. Wir brauchen kein neues Ausbildungskonzept, wir brauchen den bewussten Umgang mit einem Pferd. Und der setzt Wissen voraus.
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Markiert in: Grundsätze Lerntheorie