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Alle Wege führen nach Rom!?

von in Reiten in Leichtigkeit
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Alle Wege führen nach Rom!?
Alle Wege führen nach Rom, sagt ein Sprichwort. Alle Wege führen nach Rom? Anders gefragt: Ist es wirklich egal, welchen Weg ich gehe, ich komme so oder so nach Rom? Oder auf die Ausbildung eines Pferdes angewandt: Führen alle Schulungswege und Ausbildungsmethoden zum gleichen Resultat?
Können wir uns heute noch eine Schulausbildung wie im Kaiserreich oder meinetwegen auch in den 50iger und 60iger Jahren vorstellen? Keine Frage: Drei mal drei war zu allen Zeiten neun und trotzdem waren die Kinder, die die Schulen verließen, damals andere als heute. Sie hatten eine andere Vorstellung von ihrer eigenen Rolle in der Welt. Das Rollenverständnis bestimmte die Methode der Ausbildung. War bis in die 60iger Jahre des 20. Jahrhunderts Unterordnung das Maß der Dinge, so sollte jetzt eine relative Selbstständigkeit an die Stelle der Unterordnung treten. Nennt mir ein Problem, gebt mir eine Bibliothek und ich werde das Problem lösen. So lautete Anfang der 70iger Jahre eine Forderung der Industrie an ein Ingenieurstudium. Und das war neu! Dazu passte das alte Schulsystem nicht mehr. Es wurde geändert und ist auch heute noch im Wandel.
Was das mit unseren Pferden zu tun hat? Auch in der Reiterei ist die Zeit nicht stehen geblieben. Wir müssen keine Attacken in Reih und Glied mehr reiten, die einen absoluten Gehorsam des Pferdes unter allen Umständen erforderten. Unsere Vorstellung von der „Zusammenarbeit“ mit einem Pferd ist eine andere. 1901 hat Otto de la Croix in seinem Buch NATÜRLICHE REITKUNST mit der „alten Schulreiterei“ abgerechnet. „Wo Tradition, da ist auch stets Missverständnis! So auch hier! Die alte Schulreiterei legte mir vollem Recht auf Hals- und Kopfstellung den größten Wert! Sie arbeitete mit Mitteln, die wir nicht mehr besitzen und Zielen, die wir nicht mehr erstreben!“ Haben wir noch die Ziele des 19. und 20. Jahrhunderts? Oder ist es nicht an der Zeit, erneut mit überkommenen Traditionen zu brechen?

Gleichwohl brauchen wir den Gehorsam und die Unterordnung eines Pferdes. Ohne Gehorsam können wir uns an einem Pferd auf der Koppel erfreuen, wir können es aus der Distanz bewundern oder von ihm fasziniert sein; aber wir können keine Partnerschaft mit ihm eingehen. Wir brauchen Gehorsam, aber wir brauchen mehr als nur Gehorsam. „Pferde wollen verstehen, nur gehorchen macht dumm“ (Jean-Claude Racinet).

Unterschiedliche Reitkulturen haben unterschiedliche Wege gefunden, den Gehorsam eines Pferdes zu erlangen. Und sie haben den Begriff Gehorsam unterschiedlich definiert. Der Westernreiter hat eine andere Vorstellung von Gehorsam als der moderne Sportdressur-Reiter. Wenn wir keine Berufsreiter sind,  sind wir heute „Freizeitreiter“. Und, so seltsam es klingen mag, damit stehen wir in einer Tradition mit der höfischen, barocken Reitweise: Auch wir reiten um des Reitens willen – aber wir leben in einer anderen Zeit. Wir haben zu Recht mit dem Formalismus der barocken Tradition gebrochen.

So wie wir mit der barocken Tradition gebrochen haben, können wir es uns heute leisten, mit der Tradition brechen, einem Pferd jede Selbstständigkeit zu nehmen, indem wir es ständig zwischen allen Hilfen „einspannen“, es gleichsam in einen Käfig der Hilfen sperren. Ein Pferd ist in seiner Herde innerhalb seiner sozialen Stellung völlig frei. Wir könnten ihm diese Freiheit auch in der „Zweierherde Mensch-Pferd“ gewähren – aber wir müssen es dafür ausbilden. Wir könnten es uns zum Ziel machen, „dem fertig ausgebildeten Reitpferd (zu) erlauben, die ganze Losgelassenheit, Biegsamkeit und Freude wiederzufinden, welche es als ungerittenes, rohes Jungpferd auf der Weide charakterisiert“(Nuno Oliveira). Dann wäre der Maßstab für die Ausbildung nicht der Schwierigkeitsgrad einer Lektion, sondern das Vertrauen zwischen Reiter und Pferd, das sich durch die weitgehende Selbstständigkeit und Freiheit des Pferdes bei minimalster Hilfengebung auszeichnet. Und damit könnten wir auch dem Begriff Freizeitreiten eine ganz andere Qualität zuweisen.

Alle Wege führen nach Rom? Das mag schon sein. Aber je nach Weg kommt man jedes Mal in einem anderen Rom an! Man kann den Weg nicht vom Ziel trennen. Und insofern ist der Weg tatsächlich das Ziel.

Das gilt sowohl für die Ausbildung eines Pferdes, wie für die Ausbildung des Reiters.
Kann man eigentlich verschiedene Ausbildungssysteme beliebig kombinieren? Natürlich kann man – aber man wird die „Orientierung“ verlieren. Natürlich soll man sich unterschiedliche Ausbildungssysteme und Reitweisen anschauen, sich mit ihnen auseinandersetzen und urteilen, ob sie den eigenen (realistischen) Vorstellungen und den natürlichen Veranlagungen eines Pferdes entsprechen. Aber dann sollte man auch die Geduld aufbringen und bei einer Methode bleiben. Denn wie gesagt: Der Weg ist das Ziel.
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