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Philosophie

Woran erkennt man eigentlich gutes Reiten? Sicher nicht daran, ob ein Pferd irgendwie piaffiert oder passagiert. Man erkennt es nicht am Schwierigkeitsgrad der gerittenen Lektionen, sondern am Zusammenspiel von Reiter und Pferd, das die weitgehende Selbstständigkeit und Freiheit des Pferdes bei minimalster Hilfengebung zum Ziel hat.

Und man erkennt es daran, wie frei seine Bewegungen unter dem Reiter sind und wie beweglich es ist. Pferde verlieren unter dem Reiter ihr natürliches Gleichgewicht.
Gutes Reiten stellt es wieder her.

Und: Gutes Reiten respektiert die Bedürfnisse und die natürlichen Verhaltensweisen eines Pferdes und orientiert sich an ihnen und nicht an einer Ideologie.

Vertrauen

Jeder wünscht sich, dass sein Pferd ihm vertraut. Vertrauen kann man aber nur dann aufbauen, wenn die sozialen „Spielregeln“ eingehalten werden. Deshalb heißt Vertrauen auch, vor Willkür geschützt zu sein. Die Freiheit eines Pferdes wird durch die Einordnung in die Herdenstruktur sowohl beschränkt wie gewährleistet. Aus dieser Einordnung entsteht Vertrauen. Vertrauen kann man sich nicht „erkaufen“, nicht durch Leckerli und nicht durch Streicheleinheiten. Vertrauen muss man sich erarbeiten.

b_230_154_16777215_00_img_reiten-in-leichtigkeit-10.jpg„Nicht nur das Pferd vertraut dem Reiter, sondern der Reiter vertraut auch dem lernfähigen Lebewesen Pferd. Ein Gesichtspunkt, der den üblichen Umgang mit Pferden um Welten von einer Ausbildung in Légèreté unterscheidet und der sich durch die gesamte Ausbildung wie ein roter Faden zieht“. (Dr. Walter Dörr)

Um einem Irrtum vorzubeugen: Vertrauen heißt nicht, dass ein Pferd automatisch macht, was der Mensch will. Die Freiheit, die ein Pferd in der Herde genießt, wird es auch dann behalten, wenn es einem Menschen vertraut. Vertrauen heißt nie Unselbständigkeit! Es wird ein „waches“ und „aufmerksames“ Pferd bleiben – aber es wird sich an seinem Menschen orientieren.

Soziales Lernen und Formales Lernen

In einer funktionierenden Herde lernt schon das Fohlen die „pferdischen“ Spielregeln. Menschen und Pferde haben aber unterschiedliche Verhaltensweisen und „Sprachen“. Deshalb muss ein Pferd im Umgang mit dem Menschen die Spielregeln neu lernen. Erst dann kann mit der gymnastizierenden Arbeit, also dem Erlernen von Bewegungsabläufen begonnen werden.

Es geht zum einen um die „Sozialisation“ (Soziales Lernen) des Pferdes als Voraussetzung für eine vertrauensvolle Partnerschaft mit dem Menschen, zum anderen um die körperliche und geistige Entwicklung hin zu einem Reitpferd (Formales Lernen). Beide Aspekte der Ausbildung gleichzeitig erarbeiten zu wollen ist nur sehr bedingt möglich.

b_210_283_16777215_00_img_reiten-in-leichtigkeit-6.jpgSoziales Lernen:

 
Formales Lernen:
 
Geht es beim sozialen Lernen um Beziehung und Vertrauen, geht es beim formalen Lernen um Konditionierung und Gymnastizierung. Beziehung braucht keine „Leckerli“, wohl aber eine von Herzen kommende Zuwendung. Konditionierung dagegen braucht Verstärkung, in welcher Form auch immer.


Drei Säulen der Beziehungsarbeit

  1. Arbeit im Halt:

    Das Pferd lernt an den unterschiedlichsten Orten ruhig und gelassen zu stehen. Unabhängig von Außenreizen die es ablenken oder ihm sogar Angst machen. Das ruhige Stehen ist die eigentliche Basis für die Beziehung.
     
  2. Arbeit in der Bewegung:

    Das Pferd orientiert sich am Menschen. Egal, ob der Mensch schnell oder langsam geht, ob er stehen bleibt oder rückwärts geht, das Pferd folgt ihm und orientiert sich an seiner Körpersprache. Es weicht ihm, wenn er auf es zugeht und es folgt ihm, wenn er sich abwendet.
     
  3. Arbeit auf Distanz:

    Hat das Pferd zu Beginn noch die Nähe des Menschen als Sicherheit, so soll es jetzt immer selbständiger werden. Stimmkommandos (sind schon Teil des formalen Lernens) übernehmen vermehrt die Körpersprache – der Mensch macht sich gleichsam „unsichtbar“, nachdem er eine Anweisung erteilt hat. Im weiteren Verlauf mündet die Arbeit auf Distanz in das Longieren.
     

Formales Lernen: Grundsätze

b_210_311_16777215_00_img_reiten-in-leichtigkeit-26.jpgAnfang und Ende jeder Arbeit mit einem Pferd ist die „Entspannung“. Entspannt heißt nicht ohne Energie zu sein, wohl aber ohne Verspannung. Deshalb sollte man statt „Entspannung“ besser „Wohlspannung“ sagen. Der Grundstein dafür wurde vom Boden aus durch das Abkauen und das seitliche Biegen des Halses gelegt und soll in ein sanftes Nachgeben im Unterkiefer übergehen. Die Bedeutung des Nachgebens im Unterkiefer liegt darin, dass im Zungenbeinbereich die Muskelketten, die oberhalb der Wirbelsäule liegen und die Muskelketten, die unterhalb der Wirbelsäule liegen, aufeinander treffen. Wenn Unterkiefer und Zungenbein durch das sanfte Kauen gelöst werden, lösen sich auch Verspannungen in diesen Muskelketten.

Ein Pferd ist dann leicht in der Hand und am Schenkel, wenn es auf Anforderung den Unterkiefer sanft entspannt und sich im Hals ohne Widerstände biegen lässt. Das Nachgeben im Unterkiefer wird durch die Hand ausgelöst. Aufgabe der Hand ist nicht das passive „Nichtstun“, sondern das Herstellen eines sanften Dialoges mit dem Maul.

Ist diese Basis für die weitere Ausbildung abgesichert, kann in der formalen Ausbildung mit dem Erlernen der Bedeutung der Hilfen und der Bewegungsabläufe begonnen werden.

Impulsion

Ohne Impulsion gibt es keine Leichtigkeit! Impulsion meint die Bereitschaft des Pferdes, auf leichteste Anforderung energisch anzutreten und hat nichts mit Geschwindigkeit zu tun. Impulsion ist immer ein Ergebnis der Ausbildung! In diesem Sinne gibt es kein „faules“ Pferd.

Hilfen

Hilfen sind überwiegend konditionierte Reize, die eine erlernte Reaktion auslösen. Die Schenkelhilfen sind ausschließlich konditioniert. Die Handhilfen sind es zum Teil. Dagegen sind die Gewichtshilfen natürliche Hilfen, die nicht erlernt werden müssen, aber umso wirksamer sind, je gelöster ein Pferd ist.

b_210_140_16777215_00_img_reiten-in-leichtigkeit-13.jpgKonditionierte Hilfen dürfen die natürlichen Hilfen nicht „dominieren“, wenn das Ziel die freiwillige Mitarbeit des Pferdes sein soll. Der Sitz und die bewußt eingesetzte Balance stehen im Zentrum jeglicher Hilfengebung.

„Leichtigkeit“ in der Hilfengebung heißt nicht, die Zügel möglichst nicht aufzunehmen und vom Pferd nichts mehr zu verlangen, sondern beschreibt ein Pferd, das den Anforderungen des Reiters und seiner Hilfengebung ohne Widerstände und in einer relativen Freiheit nachkommt. „Die Légèreté wird vom Reiter verlangt und vom Pferd angeboten und nicht umgekehrt“ (Jean-Claude Racinet). Aber sie setzt einen Reiter voraus, der sich selbst an die Regeln der Leichtigkeit hält.

Prinzipien der Hilfengebung

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Das Ablassen vom konstanten Einsatz der Hilfen

Hilfen werden nur gegeben, wenn eine Änderung in der Geschwindigkeit, der Gangart, der Balance oder der Bewegung gewünscht ist.
Ist die Änderung erreicht, wird das Pferd „in Freiheit auf Ehrenwort“ entlassen. „Jegliche Hilfengebung muss aufhören, keinerlei Hilfen dürfen aktiv sein, Stille muss herrschen“ (Jean-Claude Racinet).
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Der separate Einsatz der Hilfen

Die konditionierten Hilfen werden im größtmöglichen Maß einzeln, getrennt voneinander, eingesetzt. Dies gilt ganz besonders für sich widersprechende Hand- und Schenkelhilfen.

Der angemessene Grad der Hilfengebung

Hilfen müssen sanft und ohne Aggressivität eingesetzt werden. Bei welcher Intensität einer Hilfe der gewünschte Reflex ausgelöst wird, hängt nicht von der Stärke der Hilfe, sondern von der Konditionierung ab. Und von der Aufmerksamkeit des Pferdes.

Die Bedeutung der Gewichtshilfen

Gewichtshilfen müssen nicht konditioniert werden, denn jedes Lebewesen unterliegt den gleichen Gesetzen der Schwerkraft. Sie verändern ganz natürlich die Balance eines Pferdes so, dass sie der gewünschten Bewegung entspricht, sie gleichsam vorweg nimmt. Sie laden das Pferd zur gewünwschten Bewegung ein.
Deshalb gehen die Gewichtshilfen den konditionierten Hilfen stets voraus.

Unterricht für Pferd und Reiter

Wo die Kraft beginnt, hört das Gefühl auf. Das Gefühl aber ist die Seele des Reitens.

b_210_143_16777215_00_img_reiten-in-leichtigkeit-22.jpgEin Unterricht, der sich nur auf Anweisungen beschränkt, wird automatisch in der Kraft enden. Körpergefühl kann nur durch die eigene Erfahrung über verschiedene „Reitsituationen“ entwickelt werden. Deshalb ist ein guter Unterricht ein Unterricht, der zwar über Anweisungen den Weg weist, aber dem Schüler durch aufgabenorientiertes Reiten die Möglichkeit gibt, selbst zu „experimentieren“ und eigene Erfahrungen zu machen.

Niemand hat das ideale Pferd, das schon alles kann und dann auch tut. Auch wenn der Reiter seine Hilfen noch so korrekt einsetzt. Deshalb zeichnet einen guten Unterricht auch aus, dass ein Reitlehrer ein Pferd immer dort selbst ausbildet, wo es den Reitschüler überfordern würde.

Reiten in Leichtigkeit

Kann man Reiten in Leichtigkeit in ein paar Zeilen darstellen? Sicher nicht. Aber vielleicht haben die Zeilen doch neugierig gemacht, es selbst zu erproben. Aus Freude am Reiten und am Umgang mit dem Pferd.

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